Teil 2 Berufsidentität. Riesen-Chance für Arbeitgeber: Die Menschen bei Bauch, Herz und Hirn ernst nehmen. 8 Maßnahmen.

Wie wir im Teil 1 gesehen haben, nimmt die Berufsidentität in unserem Leben einen bedeutenden Stellenwert ein. Wir wollen uns – mehr oder weniger bewusst – mit etwas identifizieren. Wir wollen gebraucht werden, dazu gehören, jemand sein, etwas „darstellen”. Je aktiver ein Arbeitgeber dabei hilft, desto besser für ihn. Hier versäumen viele Arbeitgeber eine mächtige Chance zur zugkräftigen Arbeitgebermarke für die Richtigen zu werden.

Berufsidentität ist Privatsache jedes Einzelnen?

Weit gefehlt. Jeder Arbeitgeber hat die Chance, das Bedürfnis seiner Mitarbeiter nach Berufsidentität zu stillen. Um dadurch als hoch attraktiver Arbeitgeber wahr genommen zu werden. Gerade in Zeiten starker Veränderung, wie wir sie durch die Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und Disruption erleben (werden) ist dies entscheidend. (Siehe unten)

Menschen vertrocknen emotional

Weil Menschen im fordernden Alltag der menschlichen Existenz im Regen stehen gelassen werden, vertrocknen sie emotional. Deshalb suchen sie sich emotionale Auswege in Hobbys oder eine Schimpf-Läster-und-Mobbing-Kultur. Ein Zeichen dafür ist gerne: sie echauffieren sich im Unternehmen über jeden Fliegenschiss. Herrscht in einem Unternehmen Mißtrauen und eben keine emotionale Bindung, die eine wertvolle Identität stiftet, gibt es Silodenken, Anspruchsmentalität, Zankerei und Mobbing. Denn in einem Unternehmen mit einer echten partizipativen Kultur erlebt jeder, wie wichtig sein aktiver Beitrag ist und wie er zur Verbesserung in allen möglichen Bereichen aktiv beitragen kann.

Alle wollen das Gleiche. Nur wissen sie es noch nicht voneinander.

Ob Chef und Mitarbeiter: Alle wollen im Grunde das Gleiche. Nur wissen sie es noch nicht von einander.
Alle wollen: ein gutes Leben, Gesundheit, Sicherheit, eine optimale Kosten/ Nutzen Bilanz ihrer eingesetzten Arbeitskraft und Zeit, soziale Anerkennung, positiven Stress, Spaß.
Jeder versucht diese Ziele auf seine Weise, aus der Sichtweise seiner Rolle heraus, zu erreichen. Freilich ohne die Sichtweise und Rollenverhaftung des anderen adäquat berücksichtigen zu können. (Eben wegen der Rollenverhaftung). Nur deshalb entsteht Lagerbildung und Kampf um Zeit, Geld und Bedingungen.

Mit diesen 8 Maßnahmen holen Arbeitgeber jeden Persönlichkeitstyp ab.

1. Beharrlichkeit gepaart mit Kreativität siegt (Wert Sicherheit)

Schafft es ein Unternehmen, durch seine Beharrlichkeit und Dauerhaftigkeit aufzufallen, entsteht ein großer Teil der Magnetwirkung auf die Richtigen. Nichts ist schädlicher, als das Image des Fähnlein im Wind, das allen Moden hinterher springt. Und doch muss ein Unternehmen, das sich als Arbeitgebermarke behaupten will, wertvolle Antworten auf die Fragen der Zeit liefern. Gleichzeitig standhaft und innovativ sein, ist der Spagat, den es zu meistern gilt.

2. Eigensinnig, eigenwillig und trotzdem auf die Menschen zugehen (Wert Freiheit)

Wissen wer man ist und wohin man will und gleichzeitig den Richtigen aktiv die Hand reichen. Ein Unternehmen, das durch seine Mitarbeiter – und allen voran die Führungskräfte – eine selbstbewusste Ausstrahlung hat, ist hoch attraktiv. Wer will nicht so einer coolen Truppe angehören, die etwas auf sich hält und trotzdem menschlich nahbar ist?

3. Identifikation mit Produkten und Dienst-Leistungen (Wert Sinn)

Finden wir gut und wichtig, wofür wir unsere Arbeitszeit (= Lebenszeit!) einsetzen, sind wir eher Stolz ein Teil dieses Unternehmens/Organisation zu sein. Worauf wir stolz sind, dafür setzen wir uns eher ein und halten ihm die Treue. Unsere Beschäftigung mit für Menschen, Tiere, Pflanzen, das Ökosystem usw. guten und wichtigen Dingen erfüllt uns mit Sinn. Wir haben das Gefühl, unsere Zeit und Energie wertvoll einzusetzen.

4. Sinn-Stiftung (Wert Sinn)

Dazu müssen Mitarbeitende auch die Chance haben, den Wert der Produkte und Leistungen zu erkennen. Mitarbeiter müssen wissen, dass sie mit ihrer Arbeit zur Sicherheit, Gesundheit, Lebensqualität usw. ihrer Kunden beitragen.
Allein das zu erkennen, ist für viele Unternehmen schon eine Kunst. Dies auch konsequent im Unternehmen als Selbstverständnis zu etablieren, daran wird im seltensten Fall gedacht. Auch heute noch, wo in den Medien schon lange die Sinn-Welle geritten wird.
Es reicht nicht, in der Firmenzentrale ein Schild mit goldenen Lettern aufzuhängen, das Leitbild und Sinn in schönsten Worten verkündet. Nein! Es muss in den Köpfen eines jeden einzelnen Mitarbeitenden abrufbar gespeichert sein. Und wenn der Sinn nicht nur geistig zu erfassen ist, sondern auch Herz und Bauch anrührt, steht dem Unternehmenserfolg nichts mehr im Wege.

Doch bitte nicht zu hoch aufhängen: Einen wie immer gearteten Sinn gibt es letztlich nur spirituell. In der Ultima Ratio hat nichts einen „Sinn”. Denn irgendwann verglüht unsere Erde in der Supernova unserer Sonne.

5. In der Öffentlichkeit glänzen (Wert Ansehen)

Wird der Arbeitgeber in der breiten Öffentlichkeit als grundsätzlich bereicherndes Mitglied der sozialen Gemeinschaft wahrgenommen, macht das stolz. Und dieses Image färbt auf jeden einzelnen Mitarbeitenden ab. Jeder Mitarbeitende kann erkennen, dass er mit seiner Arbeit nicht nur sich und seine Familie ernährt, sondern zum Gemeinwohl/ für eine bessere Welt bzw. zum Wohl von Bedürftigen und Schwachen beiträgt. Auch das muss Arbeitgeber nicht einfach nur tun, sondern für seine Leute auch erkennbar machen.

6. Steigerung des Selbstwertgefühls (Wert Status)

Die Identität eines Menschen ist mit seinem Selbstwertgefühl verbunden. Deshalb versuchen wir, die soziale Identität unseres Berufes als möglichst positiv wahrzunehmen. „Ich bin en XYer!”, „WIR!” usw. Wir schmücken uns gerne mit Marken. Ob bei der Wahl der Jeans, des Autos oder des Arbeitgebers. Auch wenn das Unternehmen in der Öffentlichkeit nicht sonderlich viel gilt, weil es zu klein ist oder es regional viele ähnliche Unternehmen gibt (z.B. Handwerk), dann kann ein von der Führung gelebter Stolz auf Tun und Berufsstand eine gehörige Portion Selbstwertgefühl für jeden Mitarbeitenden geben.
Ist der Selbstwert hoch, ist die Fähigkeit Krisen schnell und konstruktiv zu meistern (Resilienz) hoch.

7. Krisenschutz (Wert Sicherheit)

Krisen gibt es in jedem Leben. Ob beruflich oder privat. Private Krisen wirken sich meist erheblich auf die Leistungen im Job aus. Private Krisen fallen milder aus und lassen sich leichter bewältigen, wenn der Beruf eine als wertvoll und stimmig empfundene Identität stiftet. Wenn das Tun als sinnvoll erachtet wird, zu Talenten und Interessen passt und die Werte des Unternehmens mit den eigenen übereinstimmen und uns beständig im positivem Sinn fordern. Wir also gar nicht so sehr die Gelegenheit bekommen, uns im Leid zu ergehen.
Das Gefühl zu haben, dazu zu gehören, wichtig zu sein und gebraucht zu werden, ist gerade in privaten Krisen sehr viel wert. Wenn Kollegen und Führungskräfte zusammenhalten und auch mal für ein privates Wort offen sind, können private Krisen leichter gut genutzt werden: sich persönlich zu entwickeln bzw. sich zu ent-täuschen, wo es offensichtlich am Dringlichsten ist.

8. Zielkultur klar kommunizieren: Ich will, ich kann, es geht und ICH DARF

Hast Du Dir schon einmal Gedanken gemacht, welche Unternehmenskultur Du in Zukunft haben willst? Zu wissen, welche Kultur gerade herrscht, ob sie stimmig ist und die Ziele passend sind, ist essenziell. Bloß, welche Kultur braucht Ihr, damit Ihr jegliche zukünftigen Herausforderungen meistert?
Eine Zielkultur kann sich nur Top-down entwickeln. Egal wie agil und flach-hierarchisch ein Unternehmen auch immer sein mag/will. Wir Menschen sind sippensoziale Wesen, die sich nach den Alpha-Tieren orientieren. Wenn auch nicht aktiv zielgerichtet, weil voll bewusst, doch in jedem Falle un- bzw. teilbewusst. Was nützt das schönste in goldenen Lettern prangende Leitbild, wenn jeder spürt, dass er nicht tun darf, was dort steht.

„Lebt der Kopf nicht vor, was Realität werden soll,
fängt es vom Hals abwärts schnell zu stinken an.”

Was bedeutet das für eine Führungskraft und die Unternehmensführung?

Alle Führungskräfte dürfen sich als Mitgestalter einer facettenreichen Berufsidentität wahrnehmen. Die Hoffnung, dadurch Menschen dauerhaft an das Unternehmen zu binden, sehe ich als verfehlt, wenn auch berechtigt an. Aus ethischer Sicht zweifelhaft, da die Identitätsstiftung einem Zweck dient. Gut, der Zweck ist auch vom Individuum gewünscht und nicht zu seinem späteren Nachteil.
Allein die Chance als wichtiger Wegbegleiter und (Berufs-)Identitätstifter erlebt zu werden, ist die Mühen wert. Denn nach dem Job ist vor dem Job und auch jeder ehemalige Mitarbeiter kann Zeit seines Lebens ein wichtiger Botschafter des Unternehmens bleiben. Wer weiß, für wen seine Haltung und Äußerungen einmal das Zünglein an der Waage zur Bewerbung, zur Wahl zwischen zwei Jobangeboten oder zum Bleiben im Unternehmen ist.

Berufsidentität wirkt irgendwie traditionalistisch und passt so gar nicht zur Digitalisierung?

Das Bedürfnis sich mit Gruppen zu identifizieren ist zu tiefst menschlich 1). Das wird uns erhalten bleiben. Die Digitalisierung bietet eine Fülle von Möglichkeiten, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ob Arbeitgeber mit einer attraktiven Berufsidentität zur Verfügung stehen, liegt an ihnen selbst. Finden Menschen bei Unternehmen/Organisationen keine befriedigende Identität, suchen sie diese wo anders. Die zukünftige Berufsidentität wird sich wohl von der traditionell bekannten unterscheiden. Sie wird sich wohl mehr als Cluster- oder Matrix-Identität gestalten, die sich aus ähnlichen Aufgaben, Berufsbezeichnungen usw. über Branchen hinweg eine Puzzle-Identität zusammensetzt. Ein facettenreiches Gesamtkunstwerk aus Einzelteilen und gerade deshalb als Gesamtbild viel „Sinn” ergibt.

Getreu dem Motto: „Ich bin, was ich tue.”

Je mehr wir akzeptieren, dass auch in unserem Lebenslauf Brüche und Unstimmigkeiten existieren und dass unser Leben nur vage planbar ist, desto leichter fällt es uns, Berufsidentitäten befriedigend annehmen zu können. Auch wenn es nur für ein paar Jahre ist. Dadurch können wir es anderen leichter zugestehen, anders wie wir zu sein und doch eine gemeinsame Identität auszubilden.

Digitalisierung macht Angst, weil sie gewohnte Identität nimmt

Die Digitalisierung erzeugt mit dem radikalen Verschwinden von Berufen und dem Entstehen neuer Berufe Ängste. Wir nutzen zwar die digitale Welt gerne fleißig, doch die Wenigsten verstehen sie wirklich. Und was wir nicht verstehen, macht uns Angst. Sollten einmal Roboter und Künstliche Intelligenz die meisten Arbeitsplätze obsolet gemacht haben, könnte es sein, dass Menschen nur arbeiten, um sich eine Identität zu verschaffen.
„Ich bin…!” Brauchen wir. Zukünftig noch viel mehr als heute. Wenn Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Disruption unsere bekannte Berufswelt neu gestalten, brauchen wir etwas, das diese wichtige Lücke in der eigenen Identität füllt.

Gilt auch für Unternehmen/ Organisationen: Du bist, was Du tust.

Mit Berufsidentität Stellen besetzen: Vom offensiven Suchen zum subtilen Finden

Eine etablierte Unternehmenskultur entwickelt Strahlkraft und wirkt magnetisch auf die Richtigen. Was bedeutet, dass allein durch die Wahrnehmung des Unternehmens eine Vorselektion für einen ganz bestimmten Menschenschlag erfolgt. Richtig Zug entwickelt ein magnetisches Recruiting allerdings mit stützenden Maßnahmen. Diese findest Du hier.

Extra-Gedanke: Leistungskiller Bedingungsloses Grundeinkommen?

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist für echte Identitäts-Stifter keine Gefahr. Im Gegenteil. Viele Führungskräfte befürchten, dass durch das Bedingungslose Grundeinkommen die Motivation sinkt. Solche Befürchtungen wird verständlicher Weise haben, wer insgeheim spürt, dass im eigenen Unternehmen/Team die Grundlage für eine „bedingungslose” Motivation noch nicht vorhanden ist. Unabhängig vom Gehaltsniveau. Da wird noch im klassischen „Die Leute brauchen das Geld, deshalb machen sie den Job.” gedacht. Am längeren Hebel zu sitzen weil, man etwas anbietet (Arbeit) was knapp ist und viele wollen, ist eine sehr komfortable Situation. Bloß wenn sich auf Stellenanzeigen plötzlich niemand(!) mehr meldet und Mitarbeiter gehäuft „plötzlich” gehen, wird´s ungemütlich. Dann hat sich der Spieß bereits umgedreht und es muss auf einmal für sich geworben werden. Das ist neu. Das ist unangenehm. Besonders, wenn man sich redlich müht und trotzdem die Früchte ausbleiben.

Wer mit einem bedingungslosen Grundeinkommen über die Runden kommt, verliert das Interesse am Arbeiten. Das wird für manche derjenigen sein, die sich mit dieser Basisabsicherung begnügen. Doch nicht für diejenigen, die zu hause vor dem Fernseher sitzend eben einen so wichtigen Teil ihrer Identität nicht befriedigt bekommen: die Berufsidentität. Denn es ist weder eine sozial noch vor sich selbst erhebende Position, wenn man „Nichts” tut. Besonders dann nicht, wenn man dadurch auch keinen Exoten-Status, sondern eher einen Langweiler-Status erhält.

„Kann es das gewesen sein, Niemand vor mir selbst zu sein?”

Gute Zeit & Beste Grüße

Jörg Romstötter

1) Arbeits- und Organisationspsychologie, Friedmann, Blickle, Schaper, 2014: S. 177