Midlife-Crisis, Menopause, Andropause: das erste Mal im Leben alt

Die Grundberührung der Lebensfreude im mittleren Erwachsenenalter (ca. 35 bis 55 Jahre) ist das unmissverständliche Tor zum reifen Erwachsenen. In der Midlife-Crisis, der Menopause bei Frauen und der Andropause bei Männern tut sich hormonell, physisch und damit psychisch sehr viel. Diese Zeit ist fast wie eine umgekehrt verlaufende Pubertät. Vor allem emotional ist diese Lebensphase ein ziemlicher Brocken, der verdaut werden will: War es das jetzt? Was kommt noch? Bin das wirklich ich?

Plötzlich fühlen wir uns irgendwie alt. Nein, nicht wirklich alt, denn wir fühlen uns noch jung. Doch auch das irgendwie nicht so richtig. Plötzlich gehen wir uns selbst auf die Nerven und sehen uns selbst und die Zukunft überkritisch. Wie so häufig im Leben ist es hilfreich, mit einer gewissen Selbstdistanz, Bewusstheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sich selbst und die Dinge zu betrachten und anzugehen. Vor sich selbst die Augen zu schließen oder sich weiter zu peitschen mit einem „weiter wie bisher“, wendet sich eher früher als später gegen uns: wir werden übellaunig, pessimistisch, rechthaberisch, sehen uns ständig als Opfer, werden einsam, krank. Unsere Identität ist einem lebenslangem Wandel unterworfen, wie die Rollen unserer einzelnen Lebensphasen oder unser Körper. Das ist normal und richtig und wichtig so. Das zu erkennen und wertvoll damit umzugehen ist eine unserer Lebensaufgaben. Sehen wir uns diese an:

Zu sich stehen

Das vielleicht erste Mal im Leben fühlen wir uns „alt“: irgendwo zwickt und zwackt es und heilt nicht mehr so schnell wie früher, das Hüftgold wächst, dafür schwinden die Muskeln, Alkohol und Süßkram verkatern uns eindringlicher, wir sind nicht mehr so leistungsfähig und regenerieren uns schlechter. Der Schlaf ist nicht mehr so erholsam. Der Sex seltener, doch nicht unbedingt schlechter – hoffentlich!

Und das zu einer Zeit in der wir uns aus uns selbst heraus vielleicht noch gar nicht „älter“ fühlen. Doch irgendwas passiert da. Wir sehen uns zu und sind ratlos. Vielleicht fühlen wir uns noch gar nicht sooo gebrechlich. Vielleicht jedoch beschenkte uns das Leben mit Kindern, die uns den jugendlichen Spiegel mit Eifer vor Augen halten: „Mama/ Papa, du wirst echt alt. Schau dir mal deine Falten und grauen Haare an…“ Doch diese Falten und grauen Haare, diese Zipperlein sind ein Teil von uns. Und davon wird noch mehr kommen. So, wie die niedlichen Speckröllchen und das Stupsnäschen als Säugling für uns normal waren. So ist was nun ist ein normaler, wichtiger und wertvoller Teil von uns. Alles hat seine Zeit. Wir tun gut daran auszukosten, zu leben, was gerade dran ist. Dann ist der Abschied, der Neubeginn einer neuen Lebensstufe nicht ganz so tragisch. Oder sogar von Erwartungsfreude geprägt. Denn zu altern kann auch zu reifen, zu sich kommen, zu staunen bedeuten. 

Wenn es der Säugling überlebt, wird er ein Greis.

Wir haben uns in einigen Jahrzehnten kennen gelernt. Wenn wir auf uns blicken stellen wir fest, so manches ist unverändert in uns, anderes hat sich deutlich geändert. Was wir wurden, war immer schon als Potenzial in uns angelegt. Nicht alles, was in uns angelegt ist, konnte zum Vorschein kommen. Aus welchen Gründen auch immer. Wir erkennen auch, manches war für uns niemals möglich, einfach weil wir sind wie wir sind. Weil wir Interessen, Talente, Neigungen haben die wir nun einmal haben. Wieso auch immer. Wir sind bestimmten Menschen und Umständen begegnet. Wir sind auf unsere Weise damit umgegangen. Jetzt heißt es JA zu sich und seinem Leben, zu seinem Werden sagen. Aus einem JA erwächst immer eine Zukunft.

Wie sehr stehst du (schon) zu dir?

  • Fühle ich mich innerlich leer?
  • Habe ich einen Kern, den ich als „heile innere Welt“ wahrnehme?
  • Mag ich mich, wie ich immer schon war und nun bin?
  • Mag ich mich, wie ich womöglich noch werde?
  • Bin ich leicht aus der Ruhe zu bringen/ regt mich schnell etwas auf?
  • Wie halte ich Unsicherheiten aus?
  • Was erachte ich als selbstverständlich, einfach weil es mir als Mensch zusteht? So, wie jedem anderen auch.
  • Welche Bedürfnisse habe ich? Sage ich diese auch anderen Menschen?

Den eigenen Lebensweg bejahen

Was war, war. Wirf einen liebevollen und wertschätzenden Blick zurück. Alles was war, hat seine Ursachen, seine Gründe, vielleicht sogar seine Berechtigung gehabt. Wir hatten uns zu vielem entschieden. Vielleicht nicht immer aus einer gefühlten klaren Haltung der Entscheidung heraus. Vielleicht auch manchmal als Wahl des geringsten Übels. Jedoch haben wir unsere Weichen gestellt. Aus diesen Weichenstellungen ist etwas geworden. Dieses Werden ist unser Werk. Wir können wählen, in welcher Qualität wir das Vergangene betrachten wollen:

  • Ach ja, was soll´s… War eben so. Was will man machen…
  • Na gut, ist eben so, jetzt ist es auch nicht mehr zu ändern.
  • Wenn nur die Zeit nicht so schnell vorbei ginge…
  • Ach, war ja ganz gut.
  • War schon ganz ok.
  • Ja, das war mein Weg. Er ist gut wie er gewesen ist. Ich bin zufrieden.

Schaffen wir es, einen würdigenden, stolzen, frohen, zufriedenen Blick auf unseren Lebensweg zu werfen, wertschätzen wir damit uns selbst. Wir erkennen unsere Leistung an. Ja, es ist eine Leistung so weit gekommen zu sein. Manchmal trotz allem.

Wenn wir so unseren Weg reflektieren, tappen wir leicht in die Falle der Bewertung. Wir vergleichen unseren Weg mit dem anderer. Ein Vergleich ist aber kein reines Betrachten. Vergleiche töten die Zufriedenheit oder befriedigen nur unser Ego. Zufriedenheit lässt sich so nicht erreichen. Zufriedenheit entsteht, wenn wir uns mit uns und unserem Weg, der ja aus uns entstanden ist, aussöhnen. Uns einlassen auf das was war und es annehmen. Akzeptieren und wertschätzen. Nur so kann Zufriedenheit entstehen. Zufriedenheit ist auch die Wertschätzung unserer Einzigartigkeit und Einmaligkeit. Unseres So-Sein-in-der-Welt-wie-ich-eben-bin. 

Wäre ich anders, wäre ich nicht ich.

Erfahrenes und Gelerntes wertschätzen

Nicht alles was wir erfahren und erlebt haben gefällt uns restlos gut. Es ist nicht immer einfach zu erkennen, was Wertvolles aus negativen Erfahrungen geworden ist. Was wir daraus gelernt haben und was daraus geworden ist. Häufig sind es gerade besondere Herausforderungen die uns auch besonders reifen lassen. Wie mancher Same, der erst zu einer gesunden und widerstandsfähigen Pflanze wird, wenn er strengen Frost erfahren hat. 

Was wir erfahren haben ist in uns. Unauslöschlich. Es ist ein Teil von uns. Es macht etwas mit uns.

  • Wo habe ich „aus Scheiße Gold“ gemacht?
  • Wann bin ich einfach stur weiter gegangen?
  • Wobei stellte sich erst viel später heraus, welchen Nutzen es für mich hatte?

Sich trennen

Ist etwa die Hälfte des Lebens vorbei, bietet sich eine gute Gelegenheit Gewohntes und bisher als unumstößliche Wahrheit Empfundenes auf den Prüfstand zu stellen. Alles im Leben hat seine Zeit. In den ersten beiden Jahrzehnten gilt es zu groß zu werden und alles zu lernen, was für ein selbstbestimmtes Leben nötig ist. Dann kommt die Phase für aufbauen, schaffen, gestalten, sich binden und sich vermehren. Wir tun viel für das „später einmal“ und das „wenn ich einmal groß bin“. Damit sich unser Leben nach unseren Vorstellungen gestaltet. Dieses Aufbauen hat eine deutlich körperliche Natur. Was geschieht ist sichtbar und messbar. In der zweiten Lebenshälfte tut es uns gut, wenn wir weitergeben, andere unterstützen, etwas zur Reife bringen. So, wie uns selbst. Was reifen will, will sich verändern. Und so manches kann erst in unser Leben treten, wenn wir reifen. Reifen ist ein mehr und mehr zu dem werden, der wir schon immer sein wollten oder sogar immer schon sind. Dazu braucht es auf dem Weg verschiedene Phasen, die jede für sich eigene Aufgaben hat, damit wir mehr und mehr „ganz“ werden können.

Es ist paradox: um „ganz“ werden zu können, ist immer wieder ablösen und trennen nötig. Nicht immer mehr und mehr ermöglicht Reifung, sondern das Loslassen von Überkommenem und das Hinwenden zum Neuen. 

Wir trennen uns:

  • Von Menschen, um für andere, nun passendere Menschen frei zu sein.
  • Von Beziehungsqualitäten, um neuen Qualitäten Raum zu geben.
  • Von Gewohnheiten, Vorgehensweisen, Ritualen, Überzeugungen, um die Ketten an überholten und damit immer mehr blockierenden Verhaltensmustern zu lösen.
  • Von Idealen: Will ich wirklich noch der Selbe werden wie vor 20 Jahren?
  • Von einer bestimmten Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung. Wir lernen, uns mit anderen Augen zu sehen, um unseren Bedürfnisse von reifenden Menschen besser gerecht zu werden.

Alles wie immer schon zu machen ist kein Gütesiegel für Verlass, Beständigkeit oder gar Vertrauen. Eher für ängstliches Klammern an Bekanntes. Wir können jedoch dadurch erkennen, wo wir Beständigkeit brauchen und was wir ändern dürfen, um diese Beständigkeit zu erhalten.

Alles über den Haufen zu werfen zeugt nicht von Flexibilität, Frische und Kreativität. Das wäre nicht wertschätzend für unsere früheren Entscheidungen. Weiterführen was für uns immer noch stimmig und richtig ist, ist ein Zeichen von Selbstausdruck und eben auch zu einem selbst Passendes gefunden zu haben.

Trauer heißt JA zum Leben sagen

Nicht alles wurde so, wie wir es uns erträumt hatten. Nicht alles war uns möglich. Und wir erahnen, was uns wohl auch nie möglich sein wird. Manchmal kam es einfach zu Ereignissen, die unsere Pläne unser Streben nicht nur durchkreuzten sondern unmöglich machten. Das kommt in jedem Leben vor. Doch nicht alles, was wir uns in jungen Jahren ausgemalt hatten, erwies sich später als passend für uns. Manchmal, weil kindliche und jugendliche Träume viele Aspekte des echten Lebens gar nicht berücksichtigen können. Manchmal aber waren wir auch nicht ganz ehrlich zu uns und hatten unsere Träume relativiert und herunter geredet. Wir hatten uns selbst belogen, um es angenehmer, einfacher, vielleicht sogar sozial erwünschter zu haben. Wir wollten auf Annehmlichkeiten nicht verzichten oder hatten einfach nicht den Mut, die Kaltschnäuzigkeit, die Kraft, das Geschick oder die Ausdauer auf die Belohnung lange genug hin zu arbeiten.

Ja, das dürfen wir betrauern. Ja, das ist ein Abschied von Gelegenheiten die nie mehr kommen werden. Ja, das tut weh. Auch das darf sein. Je bewusster und wertschätzender wir diese Trauer leben, desto stärker werden wir aus ihr hervorgehen. Abschied schmerzt. Der Schmerz ist eine Wunde. Aus dieser Wunde können wir Wunder entstehen lassen. Doch zunächst darf die Trauer Raum haben. Auch sie will erlebt werden. Sie gehört zum Leben. Sie bereitet uns vor auf all die Abschiede, die noch kommen werden: von Menschen, von Gewohntem, von lieb Gewonnenem, von Selbstverständlichem, ja von „Normalem“. Betrauern wir etwas, lassen wir auch etwas von uns selbst los. Etwas das seine Zeit hatte und nun gehen darf. Im Abschied für immer erleben wir die Bereicherung die das Betrauerte für unser Leben war. Die Lücke die es schloss.

  • Trauer ist Liebesbeweis für die eigenen Entscheidungen.
  • Trauer zeigt das Risiko das wir eingegangen sind, weil wir uns einem Menschen oder einer Sache anvertraut, geöffnet, uns verletzbar gemacht haben.
  • Trauer ist Abschied und Neubeginn zugleich. Erst durch Trauer wird Neues frei.
  • Trauer heißt JA zum Leben sagen.

Hormonspiegel sinkt zum ersten Mal im Leben

Zum ersten Mal im Leben machen wir am eigenen Leib die Erfahrung, dass es „bergab“ geht. Frauen erleben die Menopause, Männer die Andropause. Die Produktion der vielen kleinen Helferlein die unseren Antrieb, unseren Elan, unsere Lust unsere Regeneration, unseren Schlaf, unsere Emotionen regulieren, beeinflussen und steuern nimmt ab. Aus unserem bisherigen Leben sind wir nur das Ansteigen in der Kindheit, das Überschießen der Hormone in der Pubertät, das sich Einpendeln auf gutem Niveau im jungen und mittleren Erwachsenenalter gewohnt. Jetzt plötzlich, erreicht unser Körper die gewohnten Hormon-Niveaus nicht mehr laufend. Unser Körper und unser Gemüt (vereinfacht gesprochen), muss sich erst mit dem neuen Niveau zurechtfinden und anfreunden. Wir sind quasi auf kaltem Entzug.

Jede und jeder erlebt diese bedeutende Phase der Umstellung auf ein niedrigeres Hormonniveau anders, mehr oder weniger intensiv. Verhindern können wir diese Phase nicht, auch nicht hinausschieben. Wir können es uns aber angenehmer machen:

  • Nicht ans sich zerren: Pause machen, wenn Pause dran ist. Hinterherjagen von bisherigen Vorstellungen und Gewissheiten beenden.
  • In sich hineinspüren: Was brauche ich gerade? Was tut mir jetzt gut?
  • Genug Bewegung und körperliche Aktivität: regelmäßig, nicht überfordern doch auch mal anspruchsvoll
  • Gesunde Ernährung, nicht zu viel essen, wenig oder gar kein Alkohol
  • Etwas vorhaben, das zur beginnenden Lebensphase passt: Pläne schmieden, Ziele verfolgen, Neues Lernen, sich für etwas verantwortlich fühlen

Je mehr wir uns auf uns selbst einlassen, umso leichter geht es. Auch später noch wird es mit den Hormonen bergab gehen. Vielleicht nicht mehr ganz so plötzlich und stark. Zudem können wir dann auf einen gemeisterten plötzlichen Hormon-Abfall zurück blicken. Eine wertvolle Erfahrung. Vollbringen wir auch diese Phase im Leben eines jeden Menschen zu unserer Zufriedenheit, kommen wir später mit diversen Abschieden besser klar.

Menopause und Andropause verwende ich hier bewusst gleichermaßen. Auch, wenn viele Männer es sich nicht eingestehen, dass es offensichtlich, wenn auch schleichend, „bergab“ geht. Die Veränderungen sind wie sie sind und völlig normal. Was wir daraus machen ist entscheidend. Mehr dazu in diesem Beitrag – extra für Männer in der Midlife-Crisis oder Andropause.

Nach vorne schauen

  • Über was bin ich froh, dass es vorbei ist?
  • Was lasse ich gerne, mit Genugtuung, mit Zufriedenheit hinter mir?
  • Was habe ich in meinem Leben gelernt?
  • Was habe ich über mich gelernt?
  • Worauf bin ich stolz, es gelernt und vollbracht zu haben?
  • Was hat mir immer Halt gegeben?
  • Was hat mir immer Mut gemacht?
  • Worauf konnte ich mich immer verlassen?
  • Was macht für mich Sinn (zu tun)?
  • In was will ich den Rest dieses Lebens investieren?
  • Über was will ich mich definieren: Leistung, Erwerb, Aussehen, soziale Stellung, Gestalten, Nehmen, Geben, Erleben, Genuss, Lieben, Sein …?
  • Was will ich außer Materiellem hinterlassen?
  • Was macht mir große Freude?
  • Wen will ich mal wieder, vielleicht zum letzten Mal, kontaktieren?
  • Wie und wobei könnte ich andere unterstützen?
  • Wer könnte von meinem Erfahrungsschatz, von meinen Kompetenzen profitieren?
  • In x Jahren bin ich definitiv tot. Was mache ich bis dahin?
  • Welche drei Dinge brauche ich zu meiner Erfüllung?