Ein Bild sagt mehr als 1.000 Zahlen. Wieso kennzahlenorientierte Führung nur mäßig Erfolg hat.

Ziele in Zahlen darzustellen ist eine effiziente Methode, um die Aktivitäten von Menschen zu fokussieren. Sie wird noch weitaus wirkungsvoller, wenn wir die notwendige Rück-Übersetzungsarbeit in attraktive Bilder für uns arbeiten lassen.

Jede Vision ist irgendwann einmal ein Bild gewesen

Egal, welches Vorhaben wir nehmen, irgendwann war jedes Ziel, jede Vision einmal ein Bild im Kopf eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Dann überlegte sich der Mensch bzw. die Gruppe, was zu tun ist, um das Ziel, die Vision zu erreichen. Sie beschrieben dieses Bild anhand von Zahlen. Würden diese Zahlen erreicht, vollführte sich das Bild von der Vision als Ergebnis.
Quasi wie bei einem Gericht: Der Koch hat ein Bild mit Gerüchen und Geschmäckern im Kopf von der Speise die er zubereiten möchte. Dann überlegt er, welche Zutaten und Zubereitungsart er dazu braucht, kauft entsprechend ein und plant seine Vorbereitungsschritte. Sein Einkaufszettel liest sich wie ein Kennzahlensystem: 1 kg Kartoffeln, 0,5 kg Zwiebeln …
Schickt er einen Gehilfen zum Einkauf, wird dieser bringen, was auf dem Zettel steht. Dann ist es ein Leichtes für den Koch sich über zu mehlige Kartoffeln und zu milde Zwiebeln zu beschweren. Genauso wie der Koch, hat jeder Unternehmenslenker ein Bild im Kopf, wie oder wer das Unternehmen einmal sein soll. Unabhängig davon, wie genau er das Bild zu skizzieren im Stande ist.

Der Koch hat vergessen, den Einkaufszettel in ein Bild zu übersetzen

Der Koch könnte nun auf die Idee kommen, „…doch lieber alles selber zu machen, weil die anderen sind ja zu blöd dafür…” So oder ähnlich schleichen sich Gedanken in gestresste Gehirne oder finden gar als deftiger Wortschwall Entspannung. Beim nächsten Auftrag könnte der Koch seinem Gehilfen auch den Zugang zu seinem Speiseplan verschaffen. Ihn einweihen in sein Ziel auf ganz bestimmte Weise die gemeinsamen Gäste zu verwöhnen. Dann hätte der Gehilfe die Chance, ebenfalls in die Rolle des Gestalters zu schlüpfen und ein inneres Bild von seinen Vorhaben zu entwerfen. Letztlich in der Ausführung seiner Intuition zu folgen, sein Wissen zu vergrößern und dadurch sein Erfahrungswissen zu erweitern. Koch und Gehilfe hätten damit die Chance, ihre Fähigkeiten und ihr Engagement zusammenzulegen und ihre Wirkung für ihre Gäste zu vervielfachen.

Der schlaue Koch übersetzt Zahlen in Bilder

Ist der Koch (fast schon unverschämt) schlau, wird er sogar den Gehilfen kosten lassen und ihn erleben lassen, wie ihre Gäste das Mahl genießen. Vom Lob der Gäste wird er eine gehörige Portion an seinen Gehilfen weiterreichen. Ohne Umschweife wird er seine Gäste von der meist un-bewussten (da unsichtbaren) Existenz und tatkräftigen Leistung seiner Kollegen wissen lassen. Dass die Gäste ihre gemeinsamen Gäste sind und nicht nur die des Kochs oder gar „des Restaurants” wird er seinem Gehilfen von der ersten Minute der gemeinsamen Arbeit zweifelsfrei vermitteln.

Ein Bild erschafft Zahlen. Zahlen erschaffen keine Bilder.

Ob der Gehilfe nun 1 kg Kartoffeln (Ich weiß, in der Gastronomie geht es üblicherweise um weitaus größere Mengen. Doch mir geht es hier darum, eine gewisse Quantität zu nützen, nicht um plausible Zahlenkonstrukte aufzustellen.) kauft oder 1,5 kg dürfte dem Koch reichlich egal, ja sogar äußerst willkommen sein, wenn der Gehilfe ihm glaubhaft vermittelt, wie außerordentlich gerade heute die Qualität der Kartoffeln sei und sie unbedingt die Chance ergreifen müssten und umgehend eine ganz besondere Kreation anzubieten.
Agiert der Gehilfe so, hat der Koch ein Bild in dessen Kopf entstehen lassen. Nicht nur ein Bild vom glücklichen Gast, der die Küche empfiehlt und damit der Rubel auch morgen gut rollt. Nein! Es dürfte über dieses Bild hinaus auch ein Bild von der eigenen Zukunft des Gehilfen entstanden sein. Vielleicht sieht sich dieser schon als Star-Einkäufer für ebensolche Star-Köche? Vielleicht reift in ihm die Vision von der eigenen Karriere als Koch oder gar vom eigenen Restaurant?

Dagegen erschafft „1 kg Kartoffeln” zwar durchaus ein Bild im Kopf. Doch für die Zwecke des Kochs ist es ein völlig unzureichendes. Der Koch kann sich nicht darauf verlassen, dass sein „Kennzahlensystem” den gewünschten Effekt liefert. Ausgefuchste bringen jetzt Argumente wie: „Dann muss das Kennzahlensystem eben erweitert und verfeinert werden.”
Nur, egal wie fein ein solches System auch ist, eine Komponente lässt sich damit niemals abbilden: Das besondere Gefühl für die Bedürfnisse und Wünsche von Kunden.

Die wenigsten Menschen haben bei Zahlen Empfindungen

Ja, auch für mich ist es äußerst erstaunlich, doch tatsächlich für manche Menschen „fühlen sich Zahlen jeweils unterschiedlich an”. Für jene dürfte es ein Leichtes sein, Zahlen nachzueifern, um nur ja die „richtigen” Zahlen vorweisen zu können. Oder aber es handelt sich um Menschen, die die Übersetzungsarbeit selbst leisten: sie können sich ausmalen, wie sich ihr Leben entwickelt, wenn sie gewisse Zahlen erreichen. Doch diese Fähigkeit ist nicht vielen gegeben. Neulich in einem Vertriebsteam erstaunte es mich durchaus, wie wenig „Bild” vorhanden war, das mit Erreichen der Jahres- bzw. Monatszahlen möglich würde. Doch gerade Verkäufer sind ja (oder sollten sie zumindest sein) von Berufswegen wahre Bildervermittler bzw. -erzeuger.

Ohne Bild entsteht ein Keulen nach Zahlen. Ohne Sinn. Ohne Elastizität. Seelenlos.

Schade, denn ohne attraktive Bilder im Kopf laufen wir nur Zahlen nach. Ihr tieferer Sinn bleibt uns verborgen. Bei Enttäuschungen und Durststrecken ist die Gefahr groß, Zweifel zu entwickeln: „Das funktioniert doch nicht!”, „Unsere Produkte/ Leistungen sind einfach nicht gut/ attraktiv genug!”, „Ach der Job bringt´s doch nicht!”, „Will ich das überhaupt?”

Und genau das wirkt direkt auf

  • die Kreativität: „Wieso soll gerade ich mir über Problemlösungen Gedanken machen?”
  • die Kultur: „Ich kann nichts dafür. Die anderen (meist die Produktentwicklung) sind schuld, dass das so schlecht läuft!”
  • die Reputation bei Kunden: „Die haben so hohe Ansprüche/ sind so kompliziert.”
  • die Reputation im Bewerbermarkt: „Wem sollte ich so einen Job empfehlen wollen?”
Führungskräfte müssen Zahlenübersetzer und Bildererzeuger sein

„Erzeugen wir Bilder, wollen wir diese Bilder als Realität erleben. Wir leiten das dazu notwendige Tun vom Bild her ab. Dadurch können wir viel wirkungsvoller agieren.”

Angst verhindert herausragende Leistung

Zurück zu unserem Koch: Wenn allerdings der Koch überzeugt ist, einzig und allein die richtige Qualität der Rohstoffe auswählen zu können, wird er bis zur Rente alles selber machen müssen. Dann wird er klagen über Stress und die zugehörigen Stress-Symptome wie Hautkrankheiten, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Verspannungen, schlechten Blutwerten usw. werden seine Klagen untermauern. (Auch wenn er sie selbst nicht in Verbindung mit seiner inneren Haltung bringt: „Ist ja nur der Stress.”) Doch der Stress ist ein Ausdruck seiner Angst: „Wo kämen wir denn da hin, wenn ein Gehilfe die Qualität der Rohstoffe ebenso gut einschätzen könnte wie ich? Dann würde ja der Schwanz mit dem Hund wedeln!”
Identisch, wenn der Koch – eh schon ringend um halbwegs vernünftiges Personal – durch Kurz-und damit Dummhalten seine Leute in die Überzeugung versetzen will, froh sein zu müssen, überhaupt eine Stelle zu haben.
Natürlich geschieht dies zumeist völlig unbewusst.

Gerade umgekehrt ist es: Je mehr wir vertrauen und zulassen, desto wertvoller ist unser Erfolgsbeitrag

Die Angst des Kochs ist unbegründet. Entspannt er sich in den Zustand anderen Raum für Ideen, selbstgesteuerte Aktivität und Ausprobieren zu geben, wird er als Ermöglicher und Befähiger seine Kernkompetenz als fantastischer Koch schärfen können. Er wird viel mehr Zeit und Energie haben, sich um seine Kochkünste und die Wünsche seiner Kunden zu kümmern. Ganz ohne sich in Kontroll-Orgien die Haare über „das unfähige Personal” grau werden zu lassen. Dadurch wird er gelassener und freudiger seiner Arbeit nachgehen, was sich zweifellos positiv auf das Speise-Erlebnis in seinem Haus auswirken wird.

Zahlen vermitteln Sicherheit. Sicherheitsstreben ist Angstbewältigung.

Wir Menschen streben nach Sicherheit. Das ist völlig normal, wichtig und gesund. Genauso wie es wertvoll ist, Risiken einzugehen und abschätzen zu können wo sie sinnvoll sind, ist es wichtig, Sicherheiten zu schaffen wo sie sinnvoll sind. Allerdings gaukeln Zahlen Sicherheit vor. Wir haben uns so sehr an Zahlen gewöhnt, dass wir gar nicht mehr über sie nachdenken. Doch woher wollen wir wissen, dass wir uns wohler fühlen, wenn wir 12 kg abgenommen haben? Vielleicht sind sogar „nur” 10 kg weniger besser? Und auch diese 10 kg sind eine Nullaussage, denn zu größerem Wohlbefinden gehören deutlich mehr Faktoren als ein reduziertes Körpergewicht. Wenn ich mich trotzdem schlecht ernähre, zu wenig bewege, einen ungesunden Tages- und Jahresrhythmus lebe, mich mit destruktiven Menschen umgebe und ebenso destruktive Medien konsumiere, wird sich mein allgemeines Wohlbefinden auf Dauer keine bißchen verbessern. Und wie das Körpergewicht so könnten wir hier noch viele Beispiele anfügen, wie z.B. verbrachte Stunden und Tage mit Partner, Kindern oder Eltern, ein gewisses Gehalt, ein bestimmter Kontostand, zurückgelegte Kilometer beim Sporteln, geübte Stunden am Instrument usw.

Zu exakte Planungen sind in der Umsetzung äußerst anstrengend – ohne höhere Zielsicherheit

Wir meinen „nur dann” unsere Ziele erreichen zu können, wenn wir „exakt das” erreichen. Wir haben Angst davor, ein anderer Zustand als unser Fantasierter könnte ebenso wertvoll für uns sein. Deshalb versteigen wir uns in Planungen und planen „Punktlandungen”. Das erzeugt Stress. Denn für diese „Punktlandungen” ist immer ein sehr großer Aufwand nötig. Dieser rechtfertigt dann selten das gewünschte „Zielgefühl”. Denn letztlich wollen wir mit, welchem Zielzustand auch immer, ein bestimmtes Gefühl erreichen. Deshalb brauchen wir auch immer neue, noch herausforderndere Ziele, weil sich partout das Zielgefühl (schon gar nicht dauerhaft) nicht einstellen mag.

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

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Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.