Sind Ratschläge wirklich Schläge? Guter Rat ist und bleibt teuer. Für und Wider und Witziges.

Nach gängiger Auffassung sind Ratschläge auch Schläge. Doch woher nehmen Autoren oder Volksmund diese Annahme? Besonders wo wir doch freiweg permanent nach Rat suchen. Ein Blick auf die Titel der neuveröffentlichten Bücher spricht seit Jahr(zehnt)en Bände. Ist nicht eher die innere Haltung des Rat-Schlagenden das Zünglein an der Waage, das aus einem bloßen Wort Gift oder Medizin macht?

Wieso hat der Ratschlag einen so schlechten Ruf?

Vielleicht liegt es daran, dass mancher Rat-Geber seinen Rat vor-schlägt, ohne darum gebeten worden zu sein. Oder weil dieser seinen Rat erteilt und impliziert, der Be-Rat-ene möge doch bitte tunlichst exakt diesen Rat befolgen. Natürlich in mehr als weniger deutlich ausgedrückter ewiger Dankbarkeit. (sic!)

Ratschlag = Schlag? Für mich zu kurz gesprungen

Wir stöbern ein wenig in den Beschreibungstiefen der deutschen Sprache. Mal sehen, was wir da finden…

Landwirtschaft Hier ist ein Schlag ein Flurstück, ein Acker. Fruchtbares Land ist die Basis jeder quantitativen und qualitativen menschlichen Ernährung. Ein Landwirt, der so einen Schlag geschenkt bekommt, freut sich wie ein Schnitzel, das er mit Hilfe des Schlages so vortrefflich produzieren kann.

Forstwirtschaft Hier ist ein Einschlag schlicht die Holzernte. Freilich aus Sicht des einzelnen Baumes ein schwerer „Schicksals-Schlag”. Doch aus Sicht des Menschen ein wertvoller Zeitpunkt auf den üblicherweise einige Jahrzehnte gewartet werden muss. Wobei der Kahlschlag zugegebener Maßen selten Gutes verheißt, doch ebenfalls manchmal seine Notwendigkeit hat (also die Not wendet) und Chancen verheißt.

(Segel-)Schiffahrt Hier ist ein Schlag ein Stück Seeweges, das man zwischen zwei Wenden zurücklegt. Ein Segler, der einen Schlag vornimmt, ändert also seinen Kurs, um Wind und Strömung optimal für sein Ziel zu nutzen.
Auch ist hier ein Schlag ein Stück nicht verknotetes Stück Tau (Seil), oder ein Knoten (z.B. Halber Schlag). Nur der Ruder-Schlag bringt ein gleichnamiges Ruder-Boot voran. Letztlich zieren noch die traditionelle Seemannshose über die Schuhe gehende, sehr weiten Hosenbeine: Schlag genannt.

Allerlei

  • Glockenschlag und Gongschlag signalisieren gerne Beginn und Ende ritueller Zeremonien, weisen den Weg, zeigen die Uhrzeit oder warnen. So wie es der an-schlagende Wachhund tut.
  • Haben wir einen Schlag bei jemanden, ist das nur von Vorteil, denn er/sie schätzt uns sehr.
  • Münzen wurden früher geschlagen. Genauso wie fertig ausgebildete Knappen erst durch den Ritterschlag in den Ritterstand erhoben wurden.
  • Wir gehören, meist mit Stolz, zu einem gewissen Menschenschlag.
  • Bezeichnen wir Menschen oder Dinge mit „vom alten Schlag”, sprechen wir uns für dessen hohe moralische, ethische, charakterliche bzw. Material-Qualität aus.
  • Schläge lassen sich sogar bewohnen, was üblicherweise Tauben tun. Sind diese Rassevögel, nennen wir ihre spezifischen Merkmale Schlag. Der Schlag der Singvögeln charakterisiert ihren Gesang und ohne ein gutes Schlag-Gefühl bringt kein Schlag-Zeuger einen guten Rhythmus zusammen, geschweige denn die ganze Band einen groovigen Sound.
  • Türen wurden als Schlag bezeichnet. Und der Be-Schlag macht diese Türen sowie Truhen erst stabil und beweglich.
  • Vorfreudig läuft uns bei einem ordentlichen Schlag Kartoffelbrei, Suppe usw. das Wasser im Mund zusammen. Ein Schlag Sahne ist die Krönung von Gebäck und einer leckeren Portion Speiseeis. Ein Cappuccino existiert ohne diesen Schlag schlichtweg nicht. Und in Österreich heißt Sahne Schlagobers, egal ob flüssig oder bereits steif geschlagen.
  • Blitzschläge können Schicksalsschläge sein. Die (medizinische) Diagnose Schlag(-Anfall) kommt selten aus heiterem Himmel, sondern ist Wendepunkt in einer häufig längeren Entwicklung. Alle diese drei Schläge können wir als hilfreich oder katastrophal bezeichnen – es kommt auf die innere Haltung an. (teilw. Quelle)

„Wie so häufig im Leben adelt erst die innere Haltung und die geübte Hand das Werkzeug.”

So sagte einmal ein Freund: „Mit einem Küchenmesser lassen sich wunderbare und schreckliche Dinge tun. Das bestimmt der Anwender.”

Der wahrhaftige Rat. Wenn guter Rat teuer ist.

Im Bewusstsein, unser Rat kann eine Richtungsänderung beim anderen bewirken, erkennen wir die Schicksalhaftigkeit unseres „Schlages”. Bei diesem Gedanken verspüren wir vielleicht eine gewisse Demut. Leichtfertig irgendetwas raten, kommt mehr einem er-raten i. S. v. Rätselraten oder der Bühnenshow des Ego gleich, als der Haltung des Geschenk-Überreichens.
Wir wollen „Das Beste” für den anderen. Doch was „Das Beste” für einen anderen ist, können wir niemals wissen. Wir projizieren unsere Wünsche auf den anderen. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen zu machen. Genauso wie wir selbst unsere eigenen Erfahrungen machen wollen. Erst dann fühlen wir uns voll lebendig. (Manche spirituellen Lehren bezeichnen dieses Erfahrungen-machen als eigentlichen Lebenssinn) Sofern wir eine „gesunde” Einstellung zum Leben haben und nicht Ängste das Ruder unseres Lebensschiffs führen.

Wird mit dieser „Geschenk-Haltung” ein Rat er-teilt, dann wird er vielmehr ge-teilt. Unser Rat soll gar nichts bewirken (Appell-Freiheit). Er kann lediglich der Impuls für eine Gedankenreifung beim anderen sein und zu Neuem oder Anderem den Weg aufzeigen. Doch ob er das wird, entscheidet einzig und allein der Beschenkte. Wir teilen gerne einen Rat. Gleichzeitig ist es für uns gleich-gültig (nicht gleichgültig), ob unser Gegenüber den Rat befolgt oder nicht. So, wie es uns bei einem bedingungslosen Geschenk gleich-gültig ist, was der Beschenkte mit unserem Geschenk macht. Wir erwarten kein „Gegengeschenk” in Form gezeigter Freude oder einer bestimmten Verwendung. Andernfalls wollen wir mit dem Geschenk eigentlich uns selbst beschenken – nämlich mit der provozierten Dankbarkeit des Beschenkten.

Gib Geschenke bewusst

Deshalb ist auch ein erbetener Rat nicht unbedingt eine Schablone, die wir unverändert auf uns selbst anwenden sollten. (Uuups, auch dieses „sollten” ist bereits ein Rat. Geschenkt, hihi!) Vielmehr kann er eine Orientierung sein: ein Prüfen, ob der durch den Rat sich abzeichnende Kurs unsere Ziele (innere Impulse, verursacht durch – eher weniger als mehr – bewusste Werte und Motive) stützt.

Beispiel: Ratschlag „ohne” Rat

Einmal bat mich ein Bereichsleiter im Coaching: „Sag einfach mal, wie Du mich siehst. Wie Du mich einschätzt und was Du mir grundsätzlich für meine Karriere empfiehlst.” Auch auf meine Nachfrage, was er sich von dieser meiner subjektiven Meinung verspreche, blieb er bei seiner Bitte.
Ich fragte mich, ob ich dieser Bitte gewachsen sei. Nach einer kurzen Reflexion entschied ich mich, ihm meine Meinung anhand einer Gegenüberstellung anzubieten: Ich beschrieb ihm ein Szenario für seine mögliche Karriere (unabhängig vom aktuellen Unternehmen). Anschließend stellte ich diesem das „gegenteilige” Szenario gegenüber. Mein Tun sollte ein Rat sein, ohne ihm einen Rat zu geben. Mit Hilfe des Rates und seiner Kehrseite skizzierte ich zwei Szenarien. Dadurch konnten seine Gedanken den beruflichen Entfaltungsraum erforschen. In der Folgezeit zeigte sein Verhalten seine Entscheidung. (Die mich durchaus überaschte. So leicht täuscht es sich mit einem „Das würde zu Dir passen.”) Und er beschritt einen sehr beachtlichen Prozess persönlicher Reifung, der von den Kollegen mit großem Respekt sehr deutlich wahrgenommen wurde.

Und jetzt mein abschließender Rat-Schlag

Stelle Deinem Rat ein „vielleicht“, ein „das ist mir gerade eingefallen“ oder ein „möglicherweise“ voran. Das öffnet die Gedanken, wirkt erlaubend und gibt mit dem Rat dann einen gewissen „Denkkorridor“.
Nur: Alle Wörter sind nichts wert oder bewirken sogar das Gegenteil, wenn die innere Haltung eine gegenteilige bzw. hier eine erwartende oder fordernde ist.

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

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Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.