Fluch und Segen des Lobes. 6 Fallen. 1 Lösung.

„Loben ist klasse! Jeder mag doch gelobt werden.” So eine Managerin eines Konzerns. Ist das rundum wirklich so? Wir besuchen die Welt der Motive, unbewussten Werte und erlernten Muster und damit die der intrinsischen und extrinsischen Motivation mit ihren Auswirkungen auf kurz- und langfristige Leistung und psychische Gesundheit.

„Lob? Nein. Da stellen sich mir alle Haare auf.”

Der junge Geschäftsführer sieht mich mit kalten Augen an. Vor einigen Wochen hatten wir die gemeinsame Arbeit begonnen und uns seither sehr regelmäßig getroffen. Genauso regelmäßig hat er jegliche Aufgaben und Hausaufgaben erledigt, wie wir sie jeweils vereinbart hatten. Das hat mich erstaunt, denn das kenne ich so dauerhaft nur von äußerst wenigen Kunden. So reflektierte ich unsere Zusammenarbeit und sprach ihm eben meine Anerkennung ungefähr mit den Worten aus: „Also das erstaunt mich jetzt schon wiederholt, dass Du immer alles erledigst. Das schaffen auf Dauer die Wenigsten. Nach der Anfangseuphorie kommen dann die normalen Mühen und da wird es für die meisten zäh.” Sein mir völlig neuer, eiskalter Blick lässt mich jäh stutzen. Auf mein „Was ist?” hin schüttelte er heftig den Kopf: „Lob? Nein! Da stellen sich mir alle Haare auf.”

„Oh, jetzt wird´s interessant.” Musste ich mir meine Freude über diese vielversprechende Fährte eingestehen. Wurden meine Worte, die ich eher als Anerkennung empfunden hatte, doch von ihm als Lob aufgefasst und bewirkten diese kraftvolle Reaktion.

Wie ging die Sache aus?

Nach dem wir in verschiedenen Richtungen gestöbert hatten, kamen wir letztlich in seiner Kindheit an und fanden den Beginn des Reaktionsmusters. Seine Mutter hatte auf jedes Lob eine Bitte folgen lassen. Er sollte also etwas für sie erledigen. Irgendwann lernte er sich dagegen zu wehren. Die Abwehr wurde absolut für jegliche Nuance von Lob. Ein normales Abwehrverhalten: wird unser Vertrauen als Kind mißbraucht, machen wir mehr oder weniger unbewusst alle Schotten dicht. Ein differenziertes Abwehrverhalten, das vielleicht den Filter bei einzelnen Personen dichter setzt, können wir als Kind noch nicht entwickeln. Damit tun sich auch Erwachsene schwer. Je nach dem, welche Erfahrungen sie machten, welche Vorbilder sie hatten und wie sehr sie sich selbst mit Vertrauen und Verzeihen auseinander gesetzt haben.

Ein wertvoller Schritt in eine vielversprechende Zukunft

Allein diese Erkenntnis hat die Sicht des jungen Geschäftsführers auf sein gesamtes Führungsverhalten, das Verhältnis zu Kollegen, Gesellschaftern und auch Familie deutlich verändert. Natürlich gingen wir darauf ein, dass seine Mutter sich wohl völlig unbewusst so verhalten hatte. Einfach, weil sie vielleicht selbst so behandelt wurde. Oder sie ist dem gut gemeinten Rat gefolgt, man solle zuerst loben, bevor man kritisiert (dazu später). Dass da schon mal etwas schief gehen kann und statt der Kritik eine Bitte formuliert wird, ist vielleicht schmerzlich, doch verständlich. Schließlich ist es nur äußerst nachvollziehbar, wie sehr sich eine vom ewigen „Nein, ich mag nicht”! genervte Mutter über das Funktionieren von Lob freut, wenn dann mitgeholfen wird. Wer Kinder hat, kann das nachfühlen. Wie oft haben meine Frau und ich – völlig genervt und am Ende mit jeglicher Motivation – uns dazu ausgetauscht…! Wie einfach lassen sich Kinder manipulieren und wie strikt untersagen wir uns das.

„Loben, nein, das kann und will ich nicht. Was soll ich da loben?”

So ging es in die nächste Runde. Wie soll der Geschäftsführer nun mit seinen Leuten umgehen? Noch dazu, wo er doch selbst als gebranntes Kind erst für sich noch klar werden muss, wie er künftig emotional und im Verhalten mit erhaltenem Lob bzw. Anerkennung umgehen will?

Wir näherten uns den Lösungsmöglichkeiten anhand dieser sechs Punkte:

1. Wer loben darf, hat das Recht auf Urteil

Wer lobt, hat zuvor eine Bewertung abgegeben. Die Tat findet seine Beachtung, da sie Ziele unterstützt. Schön, wenn diese Ziele auch die des Gelobten sind. Schön, wenn ein gleichrangiger Kollege lobt, der an anderer Stelle zurück gelobt werden kann. Dann erhält sich ein Kräftegleichgewicht. Fließt Lob immer nur in eine Richtung, stellt sich eine Hierarchie dar. Denn wer bewerten darf, weiß wohin es gehen soll. Er kann abgleichen, ob die Leistung die Ziele in besonderem Maße unterstützt. Diese Dynamik lässt sich nur vermeiden, wenn alle im Team wissen, wohin es geht. Willkommen in der agilen Welt, End-to-End-Verantwortung, crossfunktionaler Zusammenarbeit und in echtes Wir-Gefühl transformiertem Silodenken. Also in der Welt, die für die meisten Unternehmen die einzige je erlebte Realität ist.

2. Lob-Inflation entwertet

Alles, was im Übermaß vorhanden ist, verliert an Wert. Oder wir werden dem einfach überdrüssig und verlieren das Interesse. Eine Ausnahme ist da die echte, bedingungslose Liebe sich selbst und anderen gegenüber. Lob für Handlungen oder Ergebnisse, die üblich sind, von nahezu jedem zu jeder Zeit erreichbar, wird zur Farce. Wie bitte schön, wollen wir es honorieren, wenn sich jemand richtig rein hängt?

3. Belohnung verdirbt alle Freude

Im Park einer großen Stadt stehe ich auf einem Hügel und blinzle in die sinkende Sonne. „Komm rauf zu mir, dann bekommst du Gummibärchen! Hier schau!” ruft neben mir eine junge Mutter ihrer ca. Dreijährigen zu, die wacker nach oben stapft. Was lernt das Kind? Meine Anstrengung werden mit etwas honoriert, das mit der Anstrengung selbst überhaupt nichts zu tun hat. Das Kind kommt außer Atem und die Muskeln brennen. Völlig menschen-üblich und supergesund. Dafür bekommt es süßen Geschmack im Mund. Dressur.
Was sollte die Mutter tun? Sie sollte mit ihrem Kind gemeinsam hinauf stapfen und mit ihm mitfühlen. „Ja, da brennen unsere Muskeln und da müssen wir tüchtig Schnaufen. Puh! Davon werden wir stark. Und schau mal, wenn Du kleine Schritte machst geht´s leichter. Jetzt haben wir eh schon die Hälfte. Den Rest schaffen wir doch auch noch, stimmt´s? Schau, da wächst ein ganzes Büschel Gänseblümchen. Wie schön! Ui, jetzt sind wir schon oben! Ging ja leichter als gedacht! Schau mal, wie gut wir da über den Park schauen können! Und da hinten kommt der Papa. Dem winken wir zu…”
Zudem würde sie den Organismus ihres Kindes nicht in Richtung Zucker dressieren. Noch dazu, wenn er am schädlichsten ist: direkt nach einer Belastung.

Einer meiner Söhne antwortete einmal vor sich hin stapfend, als ich ihn während einer Bergtour fragte, wie er sich fühle: „Gut. Meine Muskeln wachsen gerade.”

4. Gib Lob und Anerkennung als Geschenk

Lobe nur, wenn Du es als Geschenk überbringen willst. Lass es einfach nur so stehen. Danach folgt weder eine Bitte, noch Kritik.
Wenn Du nicht gerne und aus vollem Herzen lobst, lass es einfach.

5. Weg mit einer überholten Feedback-Regel

Erst das Lob, dann die Kritik. So lautet eine altbekannte Feedback-Regel. Sie wirkt genau wie im Beispiel: Mit dem Lob sollen wir gefügig gemacht werden, die kritischen Bereiche zum Wohlwollen des Lobenden zu verändern. Schließlich wollen wir ja für unsere Veränderungsfähigkeit gelobt werden.

Empfehlung: Kritik sofort. Ohne irgendwelche „einleitenden Worte”. Sagen was Sache ist. Unmittelbar, wenn sie valide, konkret und diskret angebracht werden kann. Oder öffentlich, wenn es die Fehlerkultur des Teams hergibt.

6. Im Lob lauert das Burnout

Wie verhält sich auf Dauer ein Mensch, der sich von Lob motiviert fühlt? Er wird entlang des Lobes seinen Weg gehen. Er wird Erfolg haben, denn er wird das tun, wo er am häufigsten das größte Lob erhält. Das werden hoffentlich Tätigkeiten sein, die ihm leicht von der Hand gehen und er bei sich selbst bereits so etwas wie Talent und Freude bis hin zu Leidenschaft entdeckt hat. So weit, so wunderbar.
Leider ist das nicht zwangsläufig so. Wer sagt denn, dass das Lob nicht manipulativ eingesetzt wird. Ähnlich wie wir im Beispiel gesehen haben. Ob bewusst oder unbewusst, spielt keine Rolle. Wenn Besagter willfährig Lob mit Geliebtwerden verwechselt. Einfach, weil er es schon immer so gelernt hat. Dann könnte es zum bösen Erwachen in der Reflexionsphase zur Lebensmitte kommen. „Jetzt mache ich mal was ich will.” „Ich will mich finden.” usw. sind dann die üblichen Überreaktionen. Und ja auch Burnout, das nur entsteht, wenn wir der extrinsischen Motivationskette folgen, die sich eben auch im Lob zeigt.
Wer sich selbst folgt, der erntet auch ordentlich Tadel, Ablehnung, Unverständnis usw.. Lob ist deshalb per se kein guter Richtungsweiser.

Lösung: Danken fällt oft leichter als Loben – und ist wertvoller

„Nicht geschimpft, ist gelobt genug”, gluckst es gerne bissig, wenn das Thema Lob auch nur angeschnitten wird. Jedem ist die Praxis des Niemals-für-irgendwas-gelobt-werdens zeitlebens überaus vertraut. Ja, wir haben da mit Lob kollektiv so unser Thema. Wer sich der ganzen Loberei schadlos entziehen möchte, der sollte seine Dankbarkeit zeigen.
Danken können wir ohne jegliche Bewertung zu suggerieren. Danken können wir auch für Routinen und nicht besonders Herausragendes. Schließlich können wir ja auch für negativ Empfundenes dankbar sein: Wir können uns über Lernpunkte freuen. Danken können wir für alles und zu jeder Zeit. Ein Dank kommt uns leichter über die Lippen. Dank nehmen wir gerne an. Sogar mit der charmanten Möglichkeit, ihn unmittelbar zurück geben zu können.

 

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

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Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.