„Komm, ich helf´Dir Denken!”

Vor x Jahren hatte ich einen Kollegen, der sprach immer wieder mal den ihn als optimal passenden Kollegen/in an: „Du, hilfst mir bitte Denken?” Das habe ich mir von ihm abgeschaut, denn es ist eine große Hilfe, zeugt von einer souveränen Haltung und ist eine prima Teambuilding-Maßnahme. Durch die Anfrage zum Mitdenken kann jedoch durchaus subtil geadelt oder geächtet werden. Darum frage klug, wer fragen will.

Wieso ist das eine so wertvolle Geste?

Besagter Kollege tat dies weder pausenlos, noch bei irgendwelchem Pippifax. Es waren immer Neuland-Themen oder wo er trotz diverser Versuche auf noch keinen grünen Zweig gekommen war. Er stand an und gab dies ganz offen zu. Wow! Die „Eier” dazu hat nicht jeder und sie ist nicht in jedem Team eine Selbstverständlichkeit. Doch gerade da, wo es in einem Team noch nicht so genial läuft, lässt sich dieses bewusste Anfragen zum Mitdenken als hoch wirksamer Reparatur-Kit anwenden.

Sehen wir uns die einzelnen Spähren des Denken-Helfens genauer an:

Anerkennung: Wir wollen gebraucht werden!

Wer um Meinung und Wissen gefragt wird:

  • fühlt sich als Bereicherung und damit gut.
  • kann berechtigt annehmen, dass sein Input Veränderungen/Verbesserungen ermöglicht.
  • fühlt sich integriert.
  • erlebt, wie mit schwierigem bzw. neuem Terrain umgegangen wird (Lieber vorher fragen, als unnötig ins Risiko gehen, das evtl. alle ausbaden müssen)

Zudem: Wer mitbekommt, dass einzelne Kollegen um Rat, Ideen und Wissen gefragt werden, der will normalerweise auch zum Kreis der Gefragten gehören. Das lockt so manchen aus der Reserve und kann ihn sogar fester an Team und Unternehmen binden.

Vertrauen

Nur in einem Umfeld, in dem Wissen und Ideen nicht plagiatorisch ausgebeutet werden, kann auf diese Weise wiederholt Unterstützung bei Kollegen erbeten werden.
Wer hingegen eine so gewonnene Idee bzw. einen Schlüsselgedanken als seine/n eigenen verkauft, schneidet sich unmittelbar von der Unterstützung der Kollegen ab und bringt sie sofort gegen sich auf.

Vertrauen und Zusammenhalt stärken

Wer feststellt, dass seine gegebenen Ideen und sein Wissen von Kollegen mit Quellenangabe(!) multipliziert werden, der erlebt, wie mit (geistigem) Eigentum umgegangen wird und vertraut.

Gegenseitigkeit

Wer zum Mitdenken gebeten wurde, traut sich eher andere zu fragen, wenn er selbst mal hängt. Mögliches Eis zwischen Kollegen oder neuen Kollegen bricht so deutlich leichter.

Teamelastizität

Wer sich gegenseitig viel fragt, traut sich eher auch in kritischeren Bereichen zu fragen. Also auch wenn füreinander in die Bresche gesprungen werden muss wie z.B. bei Vertretungen.

Statusspiele

Der um Mitdenken Anfragende senkt zunächst seinen Status, da er seinen aktuell stockenden Workflow zugibt. Dadurch traut sich auch ein Rangniedrigerer eher unumwunden Ideen und Wissen zu äußern. Das funktioniert natürlich nur, wenn der Anfrager nicht aus reinem Vorwand oder taktischen Spielchen fragt. Hinterhältiges funktioniert exakt 1 Mal und schlägt in seiner Wirkung genau ins Gegenteil um: Vertrauensverlust, Illoyalität, taktische Rang-Rangeleien usw. Im Wiederholungsfall wird der Gefragte irgend etwas äußern, bloß nicht seine besten Ideen.

Doch letztlich erhöht der Anfrager seinen Status und definiert klarer seine soziale Rolle: Nur ein tatsächlich hoher Status (also kein „Möchtegern”) kann locker um Hilfe bitten und die Leistungen anderer lobend erwähnen. Nur wer sich seiner sicher ist/ einen hohen Selbstwert hat (Souveränität), zeigt ungeschützte Flanken und kämpft mit offenem Visier.

Auch ein Rangniedrigerer traut sich so eher Sackgassen zuzugeben und Gleichrangige, Rangniedrigerer oder Höherrangige um Mitdenken zu fragen. Für seinen eigenen Status ist das viel wert, denn er erhöht ihn wie gerade eben beschrieben.

Wer gefragt wird, dessen Status steigt. Gerade jene, die selten oder nie gefragt werden, können so durchaus auch ein Statusproblem bekommen.

Das sollte eine Führungskraft zudem bedenken und aktiv mitteilen:
  1. Jede Idee, die in einem Austausch stattfindet, konnte nur durch den Austausch entstehen. Genauso, wie jede Folgende. Deshalb sollte immer wieder deutlich gemacht werden, dass niemand per se Heilsbringer ist.
  2. Gute Ideen entstehen allein in entspannten Momenten (Dusche, Einschlafen, Aufwachen, Spaziergang, Kochen, Sport usw.). Optimal prüfen lassen sich diese Ideen im Team.

Allerdings: Die Anfrage um Mitdenken ist keinen Pfifferling wert, wenn sich herausstellt, dass sich der Anfrager vorab weder informiert, noch bemüht hat. Dann schlägt die gerne gegebene Unterstützung stante pede in Abwehr um. Engagement und Feingefühl ist also gefragt.

„Eine richtig gute Führungskraft zeichnet sich gerade dadurch aus,
dass sie die Leistungen anderer betont.“

Wen sollten wir fragen?

Gerne fragen wir – naheliegend – Leute mit ausgewiesenem Sachverstand und Erfahrung. Doch gerade Kollegen/innen, die zwar mit der Materie an sich vertraut sind, jedoch kein tiefergehendes Spezialistenwissen haben, eignen sich sehr gut für den Blick von „Halb-Außen”, wie z.B. Assistenzen, Fachkräfte, neue Mitarbeiter, Praktikanten, Auszubildende. Dabei nutzen wir ihr Bauchgefühl, ihre Intuition (auch Konstruktivismus), die jemandem der sich schon sehr „hinein verkopft” hat gerne zuträglicher sind als noch mehr Spezialwissen.

Auch Menschen mit einer schnellen Auffassungsgabe, die es gewohnt sind, systemisch zu denken, in andere hinein zu fühlen und zu denken und wissen, wie man forschend fragt, sind oft eine unerwartet große Hilfe.

Komm, ich helf´ Dir Denken: +49 151 15 85 51 63

Gute Zeit & Beste Grüße!

Jörg Romstötter

 

Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.