Agile Angst. Wieso Angstbewältigung die erste Aufgabe bei der Einführung agiler Arbeitsformen ist.

Jede erfolgreiche Veränderung hat ihren Keim im Innen. Doch der Keim kann nur sprießen, wenn er frei von blockierenden Ängsten ist. Wo verbergen sich Ängste, wie zeigen sie sich und wie können sie bewältigt werden?

Voraussetzung für Erfolg: Innere Bereitschaft

Wir kennen das aus vielen Phasen und Begebenheiten unseres Lebens: So bald wir von etwas überzeugt sind, fällt uns die Umsetzung relativ leicht. Auch wenn sie keineswegs frei von Mühen, Rückschlägen und auch Zweifeln ist. Irgendwoher nehmen wir die Energie bis zum Erfolg durchzuhalten.

Diese Voraussetzung für jegliches Gelingen einer Veränderung muss so hoch eingeschätzt werden, wie nur irgend möglich. Jegliche internen Schwierigkeiten, Brüche und letztlich jegliches Scheitern ist auf das Übergehen von Ängsten zurückzuführen.

Beispiel: Echtes oder vordergründiges „Abholen” von Menschen

Ich hatte mal einige Jahre mit einer höchstrangigen Führungskraft zu tun. Die verstand es ausgezeichnet, in jeglichen Diskussionen mit astreinen Herleitungen, Begründungen und logischen Schlüssen jedwede Kritik faktisch zu beseitigen. Trotzdem waren damit Widerstände keineswegs bearbeitet. Kurz nach Beendigung der Dispute krochen wieder alte und auch neue Argumente hervor. Wir drehten uns permanent in Kreisen, obwohl doch tatsächlich alles mehrfach diskutiert und besprochen wurde. Was fehlte? Die Menschen wurden in ihren Bedenken (die ausgedrückte Ängste sind) nicht gewürdigt. Die Führungskraft zeigte sich nur vordergründig verständnisvoll. Allein die sachlichen Argumente reichten eben nicht, um Vertrauen zu schaffen.

Wer hoch hinaus will, muss besonders gründlich beim Fundament sein.

Neues macht eben auch Angst. Wer das echt würdigt, wird die richtige Haltung und die richtigen Worte finden. Wer Ängste bearbeitet, hat bisweilen selbst das Gefühl (oder es wird ihm durch Beobachter des Prozesses (z.B. bei der Teamentwicklung reflektiert)) nicht weiter zu kommen, sich im Kreis zu drehen oder gar Rückschritte zu machen. Je bewusster wir uns vor Erwartungshaltungen lösen und diese „Gegen”-Bewegungen anerkennen als das was sie sind, nämlich Prüf-, Erkenntnis- und Sicherungsprozesse, desto größer werden die Fortschritte sein. Denn unser Gegenüber nimmt unsere innerste Haltung zweifelsfrei wahr: „Wieso scheucht uns der durch treffliche Argumente über unsere Ängste hinweg? Hat er uns etwas zu verbergen?”
Wer hingegen in sich ruht und gerne seine Ängste und die anderer voll anerkennt, der schafft Vertrauen. („Aha, wir gehen da echt darauf ein. Da er sich das traut und offensichtlich mit offenem Visier und freier Flanke antritt, hat er nichts zu verbergen. Er lässt uns sein Konzept auf Herz und Nieren prüfen. Mein Vertrauen wächst.”)

„Alles Grundlegende, was nicht bearbeitet wurde,
holt uns früher oder später zum ungünstigsten Zeitpunkt ein.”

Die folgenden exemplarisch aufgezeigten Ängste betreffen Menschen jeglicher Hierarchiestufen. Jeder wird für sich erkennen, wo er Bedarf an Klärung hat. Hier ein vertiefter Blick auf Ängste.

Verlustängste jeglicher Art, wie z.B. Macht, Einfluss, Geltung, Status, Sicherheit, Überforderung können zuverlässig bewältigt werden, durch:

Das Unternehmen
Klare Rollendefinitionen, klare Erwartungen (Vom Einforderer zum Ermöglicher = echtes Leadership), striktes Einhalten von Vereinbartem und der lernende Umgang mit Fehlern (Psychologische Sicherheit)

„Klarheit und Zuverlässigkeit stärken die alles entscheidende Basis in der agilen Welt: Vertrauen”

Den Betroffenen
Selbstüberprüfung der eigenen Werte, evtl. Aktualisierung bzw. Neudefinition der eigenen Hoffnungen (auf Erfüllung in Arbeit und Leben) und Ziele

„Mit starkem Selbstvertrauen, Lern- und Veränderungsbereitschaft und hoher Selbstwirksamkeitserwartung gibt es immer einen Weg.”

Endlosspirale: Die Krux der Gewöhnung an Sicherheiten

Entgegen der landläufigen Meinung, wir „schwimmen uns irgendwann frei im Leben”, verstricken wir uns immer weiter in Ängste, wenn wir allein Materielles als Anker, Fangnetz und doppelten Boden fokussieren. Die Krux liegt in der Gewöhnung: Haben wir einmal einen Status (finanziell, sozial (auch Einfluss, Macht, Ansehen), gesundheitlich) als etabliert erlebt, steigt der Adrenalinspiegel allein bei dem Gedanken, irgendwann einmal nicht mehr im gewohnten Maß darüber zu verfügen (Verlustangst).
Was wir einmal erreicht haben, das wollen wir nicht mehr hergeben. Auch durch Gewöhnung schleicht sich schnell Unzufriedenheit ein und wir wollen mehr und mehr und mehr. Allein schon aus dem Grund, um mit einer Übererfüllung unserer erwünschten „Sicherheiten” Erreichtes abzusichern. Je mehr, desto besser. Leider gewöhnen wir uns auch an diesen übererfüllten Status und wollen auch von diesem nicht mehr abrücken. Die Sicherheiten-Aufbauen-Spirale ist perfekt.
Aus dieser Spirale kommen wir nur durch die Erkenntnis, dass das Leben eben nicht planbar ist und keine materielle Sicherheit der Welt uns vor menschlichen Verlusten, Versäumnisängsten, Einsamkeit, Krankheit, Tod und definitiv irgendwann auch Vergessenheit bewahren wird. Sich selbst und das Leben anzunehmen wie es ist und in Bewusstheit mutig zu leben, ist die einzige „Sicherheit” gebende innere Haltung.

Verwöhnung. Hausgemacht.

Genau aus der Gewöhnung an Sicherheiten und der einhergehenden Verlustangst, entsteht eine verwöhnte Haltung. Vorzüge und Nicht-Selbstverständliches wird dennoch als selbstverständlich angesehen. Zudem wird der eigene Beitrag für das Gelingen der Unternehmung deutlich überschätzt. Aus dieser Selbstüberschätzung speisen sich immer größere Forderungen, die freilich niemals gestillt werden können, wenn nicht auf dem Boden der Tatsachen Erdung gefunden wird.

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

 

Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.