Die „Seele” der Dinge. Und die Sehnsucht nach wertvollem Erleben.

Witzig: Je mehr wir uns in die Sehnsucht nach den Dingen versteigen, desto mehr berauben wir uns genau jener Dinge, die wichtig für uns wären. Ein Weihnachts-Gedanke mit der Botschaft: Das Leben ist zu sexy, um es mit Arbeit für Dinge zu vergeuden, die wir im Grunde verachten.

Dieses erdig-satte Gefühl, den Rucksack aus dem Regal zu ziehen…

Jede Faser der Bänder und Stoffe scheint jeder einzelnen Zelle meiner Hände Haut wie selbstverständlich vertraut zu sein. Auch wenn es mittlerweile viel „bessere” Rucksäcke gibt. Er schmiegt sich an meinen Rücken und folgt geschmeidig allen Bewegungen wie ein kleines Kind, vertraut mit dem Ritt auf Papas Rücken. Der Rucksack riecht nach Draußensein: Bergluft, Sonne, Regen, Hitze, Schneeluft, Harz, Schweiß, Erde, Gestein…
Der Rucksack riecht nach den „anderen” Aspekten des Lebens…
Ich packe und bepacke ihn und allein dabei fliegen meine Gedanken zu den Erlebnisse draußen…

Wie beim Rucksack, so könnte ich noch eine Vielzahl an Gegenständen aufzählen, die mir Anker für Erinnerungen geworden sind. Die Erlebnisse haben sie gezeichnet und aufgeladen mit Gefühl. Sie sind ausgeblichen, haben Löcher, Risse und Rost, die ein oder andere Naht ist offen, eine Schließe gebrochen, ein Gurt gerissen. Egal. Dafür sind sie schön wie ein altes Gesicht, das von erfülltem Leben zeugt. Schön, wie ein zerschrundener Berg, windzerzaustes Haar, verwaschener Fels in aufgepeitschter See…

Erinnerungen: ein Schatz – wenn ich will

Ich bin, was ich bin. Es gibt nur das Jetzt. Die Zukunft ist ungewiss. Eine Garantie gibt es nur für den Tod. Die Vergangenheit war und trägt ihre Spuren ins Jetzt – sofern ich will. Die Vergangenheit ist von Bedeutung oder nicht – so wie ich will. Letztlich bleiben nur Erinnerungen. Und auch diese konstruieren wir immer wieder neu. So werden Erinnerungen zu dem Schatz den wir gerne hätten. Erinnerungen können uns behindern oder beflügeln. Wir wählen das.

Neu ist neu und eine Chance und nicht zwangsläufig schlecht

Ein neues Ding hat noch nicht die Chance gehabt, ein Erlebnis mit mir zu teilen und es mit zu gestalten. Es ist ein Ding und erfüllt seinen Zweck. Dadurch haben die Erlebnisse auch die Chance, von neuer Qualität zu werden. Denn jedes „alte” Ding vermittelt eine bestimmte Qualität und färbt damit jedes weitere Erlebnis. Will ich das?
Ein neues Ding ist wie ein jungendliches Gesicht. Es ist frisch und steckt voller Hoffnung und Möglichkeiten. Ein Gesicht, dem man das Leben ansieht, kann genauso voller Frische und Lebendigkeit sprühen. Doch es steckt zugleich voller Erfahrungen, die alle zukünftigen Erfahrungen prägen. Wir dürfen wählen, welchem „Gesicht” (=Ding) wir jeweils zutrauen, uns jene Aspekte des Erlebens hinzu zu fügen, die dasjenige Erleben bescheren, welches wir erstreben.
Hier eine Vertiefung zur Selbstführung in der Spielwiese Urlaub.

Der heutige Nostalgie-Trend ist eine Sehnsucht nach „Charakter”

„Plötzlich” wollen alle „Bulli” fahren und neue Automodellen wird der Charme früherer Jahre verliehen. Wieso bloß? Wahrscheinlich dienen diese Boten aus früheren Tagen als Anker für angeblich ruhigere, gemütlichere Zeiten. Diese Zeiten mögen wirtschaftlich ruhiger gewesen sein, politisch waren sie hoch Atombomben-explosiv. By the way: In der Grundschule hatten wir Luftschutzübungen und sind klassenweise in den Keller gezogen. Eine handfeste Vergangenheitsverklärung. Heute würden Eltern zu hysterischen Horden, würde so etwas getan. Wir kritisieren die Konsumgetriebenheit und erwerben doch „Charakter-Dinge” durch Konsum. Wie einen Handschuh meinen wir uns „Charakter”, also gelebtes Leben, überstülpen zu können. Das funktioniert nicht. Wir fühlen uns deshalb keinen Deut besser, lebendiger, echter usw. Erst den Dingen durch unser Erleben selbst Charakter einzuhauchen bringt uns intensivem er-Leben näher. (siehe Beitrag Wer bin ich? Wer willst du sein? Klärung schafft Klarheit)

Wieso nur legen wir so viel Wert auf die Dinge?
Haben wir tatsächlich so eine große Sehnsucht nach Lebendigkeit?

Wann ist es Zeit für ein „neues Ding”

So lange das Mittel Mittel zum Zweck ist, also richtig wirklich Mittel zum Zweck – ganz ehrlich – ist jeder Zeitpunkt der Richtige. Nicht schielen nach den anerkennenden Blicken anderer oder nach dem befriedigenden Gefühl beim Erwerb! Wir werden weder mehr noch schönere Erlebnisse erleben, bloß weil wir dieses oder jenes Ding mit dabei haben. Im Gegenteil: je mehr wir uns auf Dinge konzentrieren, desto weniger werden wir erleben. Einfach, weil das Erlebnis Mittel zum Zweck wird um den Dingen Berechtigung zu geben. Umgekehrt werden wir deutlich mehr (auch im Sinne von intensiver) erleben, wenn wir uns allein dem Erlebnis widmen und die dafür notwendigen Dinge erst im Anschluss wählen.

Ist dieses Ding ein würdiger Begleiter auf meinem Weg?

Ich denke, würden wir uns diese Frage bei jeder Anschaffung stellen, würden wir allein dadurch schon weit mehr an Wert-vollen Dingen kaufen.

Im Leben geht es im Grunde nur um Erleben und Erinnern

Wozu will ich was erleben? Das ist eine der wenigen Fragen, die vieles erklären, wie wir unser Leben gestalten sollten.
Was soll dieses oder jenes Erlebnis mit mir anstellen?
Werde ich damit immer mehr zu dem, der ich sein will?

Selbstwerdung nennen wir diesen Prozess. Das Leben ist Selbstwerdung.

Wir haben dazu die spirituelle, die geistige und körperliche Ebene zur Verfügung. Wir lernen nur durch Erfahrungen. Und jede Erfahrung macht uns mehr zu dem, der wir immer schon sind und sein werden. Im laufenden Wechsel aus Zeiten mit uns selbst (Alleinsein) und Zeiten in der Begegnung von sehr nahen, nahen und fernen Menschen, erkunden wir uns selbst. Wir erfahren, wie wir auf uns selbst und andere wirken. Wir gleichen dies immer ab mit dem inneren (Ziel-)Bild, das wir von uns selbst haben. Dem wollen wir gerecht werden. Alle unsere Handlungen richten wir darauf aus. Nicht alles gelingt uns und viele Handlungen sind ein Versuch-und-Irrtum-Prozess. Auch, weil wir uns permanent wandeln, sind die Erfahrungen die wir anstreben von immer neuer Varianz und Tiefe. Sofern wir dies zulassen. Sofern wir uns nicht auf Glaubenssätze und Meinungen „retten” um uns selbst aus dem Weg zu gehen.

Da jubelt unser Inneres Kind: Dinge als Ermöglicher für Erfahrungen

Das Innere Kind (ein vereinfachendes Symbol, für ein ganzes Rudel an inneren Persönlichkeitsanteilen und frühen Kindheitsprägungen) macht einen Luftsprung, wenn wir den Dingen ihren gebührenden Platz zuweisen: Sie sind Hilfsmittel. Dinge sind niemals Inhalt. Sie sind Ermöglicher für ganz bestimmte Erfahrungen.
Unser Inneres Kind bekommt Erinnerungs-Anker mit Dingen, die bei so vielen frei gewählten Erfahrungen mit dabei waren. Dieses Frösteln, diese Gedankenbilder beim Packen des Rucksacks, sind nichts anderes als Resonanzen unseres Inneren Kindes.
Dagegen unterdrücken wir die freiheitsliebenden, bedingungslosen Aspekte unseres Selbst, wenn wir den Dingen zu viel Aufmerksamkeit geben und unser Erleben von ihnen maßgeblich beeinflussen oder sogar steuern lassen.

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

 

Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.