Haben oder Erleben?

Haben oder Erleben. Es ist tatsächlich so, man muss sich entscheiden.

Leider ist die weit verbreitete Meinung: Erst muss ich haben, damit ich dann erleben kann.
Nur meistens schließt das Haben das Erleben aus. Einfach weil man so sehr mit dem Haben, mit dem Ranschaffen beschäftigt ist, dass man für das Erleben dann nicht mehr genügend Zeit oder Kraft hat. Zudem dreht sich beim Erleben dann gerne alles um die Mittel des Erlebens und nicht um das Erleben selbst.

Wie das denn?
Nehmen wir das allbeliebte Wellnessen. Um einen wirklich gediegenen Wellnesstag berappen zu können braucht´s schon ein Bisserl Geld. Sonst ist es ja kein Wellness sondern eher warme Räume für Arme. Weilt man dann im Tempel muss es ja was bringen, schließlich hat´s eine Stange Geld gekostet und ist ja soooo schick.
Da ist dann die imaginierte „heiße Quelle“, der Lichtprogramm-inszenierte „Tag in der Wüste“ usw. etwas ganz ganz Tolles und soooo entspannend.

Also für mich ist ein absoluter Wellness-Tag: im Schlafsack von der Sonne geweckt werden, eine Bergtour auf der ich möglichst keinem anderen Menschen begegne, ein Bad in einem See, Bach oder Fluss (möglichst eiskalt), eine leckere Brotzeit in der Sonne an einem schönen Plätzchen.
Extrakosten dafür: 0 € Reisekosten, denn am liebsten fahre ich mit dem Fahrrad dort hin.

Oder das Auto. Wie gerne wird knappes Kapital in rollendes Prestige gebunden. Ein Auto, das einen zuverlässig, trocken und warm ganzjährig überall hin bringt ist für meistens 30.000 € günstiger zu haben als was häufig auf den Straßen unterwegs ist.
Was kann man mit diesem Batzen Geld doch alles anstellen?! Hier wird – für fremde Menschen und deren unbeeinflussbare Gedanken – herumchauffiert was ein passabler Kapitalstock für ein eigenes Unternehmen, Haus, Wohnung, Sabbatical, Teilzeitjob, die Auszeit für eine große Reise, das eigene Buch, die Kinder, die Eltern undwasweisichnochalles sein kann.
Völlig nebensächlich ob die Karre finanziert, geleast oder bar bezahlt ist.

Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, da wurde es mir wichtiger mit was für Gegenständen und Vehikeln ich etwas erlebte. Das eigentliche Tun und Erleben rückte in den Hintergrund. Nur, es befriedigte mich nicht dauerhaft.
Ein Bekannter sagte einmal: „Lieber mit dem Fahrrad an den Strand als mit dem Benz ins Büro.“

Wieso muss es immer das Große Besondere sein, das wir als Erlebnis bezeichnen? Wieso meinen wir immer erst einmal etwas schaffen zu müssen um erleben zu können? Zwischen den Großereignissen gibt es kein lebenswertes Leben. Im Übrigen geht die Zeit so schnell vorbei.
Die Äußerlichkeit eines Ereignisses hat nichts mit seiner Qualität für uns und unser Leben zu tun. Sie können weit intensivere, wertvollere, schönere und nachhaltigere Erlebnisse im nächsten Wald haben als auf irgend einem Luxusdampfer.

Prägendes Erleben setzt weder Geld noch Besitz voraus. Doch Geld oder Besitz können tiefes Erleben unmöglich machen.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Geld oder Besitz sind für sich genommen wunderbar. Sie sind Tauschmittel und gegenständlich gewordene Resultate. Mit ihnen sind die eigenen Hebel weit größer. Doch darf man sie nicht zur Bedingung für irgend etwas machen.

Machen wir das Erleben von äußeren Bedingungen abhängig, werden wir viel weniger Wertvolles erleben als für jeden von uns möglich ist.
Wirklich Wertvolles kostet in Euro so gut wie nichts.

Für wen erlebe ich denn das alles? Tatsächlich für mich oder für andere?
Was würde ich erleben wollen, wenn niemand davon erführe?
Wahrer Reichtum ist das zu erleben was man wirklich erleben will – völlig unabhängig was andere davon halten.

Achten Sie darauf was Sie erleben! Seien Sie anspruchsvoll.
Denn Ihre Erlebnisse und wie Sie diese reflektieren bestimmen wie Sie denken, fühlen und handeln.
Die Summe daraus ist letztlich Ihr Leben.

Alles Gute!

Ihr

Jörg Romstötter