Wie erzeuge ich Disziplin automatisch? (Teil 1)

Möglichkeiten, wie wir noch disziplinierter werden können, finden sich viele. Bloß, wie wir Disziplin automatisch erzeugen können, darüber findet sich erstaunlich wenig. Wir sprechen von Selbstdisziplin. Sie ist ein wahres Wundermittel, sofern wir sie richtig anwenden. Und jeder beherrscht sie. Wir müssen lediglich unsere „Disziplin-Knöpfe” drücken.

Wir alle sind faszinierend diszipliniert

Bei allem, was uns richtig interessiert, was wir gerne tun, was wir wirklich erreichen wollen, sind wir erstaunlich diszipliniert. Was wir im Grunde nicht wollen, dafür müssen wir uns quälen und brauchen Disziplin.

Wobei wir auch wissen: Tun wir etwas häufig, lernen wir es zu mögen. Unser Gehirn lernt: „Aha, da wir es häufig tun, scheinen wir es gerne zu tun. Wir tun es wohl aus freien Stücken.”
Fragt sich nur, wieso wir etwas tun wollen, das wir im Grunde nicht tun wollen? Um Nachteile zu vermeiden, ok. Nur, könnten wir uns nicht gerade hier der Vorteile bewusst werden, um so wieder zu einer positiven Haltung zu gelangen?

Grusel-Beispiel: Abwasch
Für die meisten ist er ein notwendiges Übel. Und prompt finden wir exakt hier den tatsächlichen Nutzen des Abwaschs: er wendet die Not (not-wendig). Würden wir das Geschirr nicht abwaschen, hätten wir buchstäblich über Nacht, die schönste „Schwammerl-Zucht” als prächtigen Nährboden für Krankheitskeime aller Art. Bäh!
Will ich Geschirr zum Essen verwenden, muss ich abwaschen um gesund zu bleiben. Wasche ich ab, kann ich sehr viele unterschiedliche Gerichte zubereiten, kann ästhetisch Speisen, das Essen wird vielleicht sogar bekömmlicher und genussvoller, weil wir es zelebrieren und auch zur sozialen Bindung nutzen. Wem Rohkost genügt, der spült Messer und Brett und fertig.

Wir finden funktionierende „Selbst-Disziplin-Knöpfe”

Es läuft immer auf das Gleiche hinaus: in letzter Konsequenz müssen wir nichts tun. Keiner schreibt uns vor, dass wir Geschirr für die Nahrungsaufnahmen verwenden müssen. Das tun wir freiwillig. Aus irgend einem Grund wollen wir es tun. Tun wir es also, wollen wir zumindest Nachteile vermeiden. Richten wir allerdings unseren Fokus nur auf die zu vermeidenden Nachteile, strengt uns das Tun an und wir brauchen zu dessen Aufrechterhaltung Disziplin.
Richten wir unseren Fokus auf den Nutzen, den uns das Tun bringt, macht uns die Verrichtung gleich viel mehr Spaß. Zudem gehen wir in die Zukunft orientierte Haltung des „Wie?”:
Wie kann ich die Essens-Zubereitung und den Abwasch organisieren, so dass die Küchenreinigung möglichst wenig Zeit beansprucht?
Wie kann ich die Abwaschzeit (genauso wie jede andere Aufgabe im Haushalt) für meine Gedanken/ Nicht-Denken/ Tagträume/ Gespräche mit Partner, Kindern, Freunden, Verwandten (auch telefonisch) Musik-, Hörbücher- oder Podcasthören usw. nutzen?

Absolut identisch verhält es sich mit jeder x-beliebigen Tätigkeit besonders in der Arbeitswelt:

  • Routinearbeiten
  • unklare Abläufe und Schnittstellen
  • Öde Meetings
  • Zermürbende Konflikte
  • Aufwühlende, ja stressige Präsentationen
  • und auch Dinge aufschieben
  • Silodenken
  • Schuldzuweisungen
  • usw.

Wenn wir ehrlich sind, ein Bißchen genauer hinsehen und auch mal „Eier” beweisen, wissen wir genau, dass wir uns bei jedem der genannten Punkte einen gehörigen Anteil Stress durch innere Ablehnung selbst bereiten. Einfach, weil wir die Rolle so spielen, wie wir sie uns bisher zurecht gelegt hatten/ wie wir meinen sie zu spielen müssen. (Hier kommst Du zum Thema Angst)

Doch stimmt das? Prüfen wir es mit drei Gegenbeispielen:

1. „Ja, bloß wenn ich nichts anderes will, als auf der Couch liegen, Leckereien in mich hineinstopfen und Games spielen?”
Dann solltest Du das auch tun. Zunächst. Bis Du irgendwann genug davon hast und diesem Tun überdrüssig wirst. Oder Du erkennst, dass es Dir anscheinend überdrüssig ist: Dir ist übel, Du bist gereizt und gleichzeitig lustlos, Dein Schlaf ist nicht gut. Dann kannst Du in die Analyse einsteigen: Welche Spiele spielst Du? Welche Charaktere nimmst Du an? Wie könntest Du die Eigenschaften dieser Charaktere in der Realität Wirklichkeit werden lassen? Wie kannst Du einen für Dich optimalen Rhythmus aus Anspannung (z.B. Arbeit) und Ruhe finden? Kann es sein, dass Du zu viel oder Utopisches erwartest und deshalb schnell und leicht enttäuschbar bist? Kannst Du Dich über „Kleinigkeiten” freuen? Bist Du dankbar für das, was Du im Leben „einfach so” bekommen hast?

2. „Ich weiß eigentlich schon was ich will. Doch für die Umsetzung in der Realität fehlt mir die Energie.”
Das ist auch eine Wahl. Dann mache Dich nicht auf die Suche nach Lösungsmöglichkeiten und fröne Deinem aktuellen Tun. Es ist schließlich auch eine völlig legitime Möglichkeit, das Leben intensiv zu leben. Ja, natürlich. Konsequent die Dinge nicht anpacken, die man „eigentlich” tun will, ist eine sehr intensive Lebensform mit ziemlich satten Herausforderungen. Das ist weder gut noch schlecht. Das ist nur die bewusste Wahl mit allen Konsequenzen. Oft ist es gerade so: genau dann, wenn wir uns nicht mehr innerlich antreiben, wenn wir unser Gefühl und damit unser Handeln voll annehmen, machen wir die größten Fortschritte. Und Dinge ereignen sich, die uns wie Wunder erscheinen.

3. „Ich mache schon meine Sachen. Bloß, lasse ich mich durch alles Mögliche ablenken?”
Das könnte die Herausforderung unserer menschlichen Vielseitigkeit sein. Wir haben, theoretisch, in jedem Augenblick die Wahl zwischen äußerst vielen Möglichkeiten. So bald wir uns für etwas entscheiden, wählen wir automatisch alles andere ab. Tun wir etwas, erkennen wir auch dessen Beschwerlichkeiten und Nachteile. Da erscheint dann anderes plötzlich viel attraktiver. Genau hier hilft es, immer wieder mit sich selbst in den Dialog zu gehen: Wieso will ich das? Wieso drückt dies mein Wesen so sehr aus? Worauf arbeite ich hin?
Hier helfen Selbstliebe und Selbstannahme sehr: Wow, ich bin so vielseitig. Erst dadurch ist meine Kreativität überhaupt möglich usw.
Oder Du bist nicht ganz ehrlich zu Dir und hast Dich falschen Wünschen verschrieben. Nur Ehrlichkeit zu sich selbst schützt auch vor falschen Wünschen und damit falsch verstandener Disziplin.

„Echte Disziplin ist nicht Antrieb sondern Vermeidung.”

Genau genommen sind wir am diszipliniertesten, wenn wir alles vermeiden, was uns nicht zum Ziel führt. Wir sind automatisch diszipliniert, wenn wir alles vermeiden, was uns vom Tun des Wesentlichen abhält.

Beispiel:
A. will mit Menschen eines für ihn verheißungsvollen Landes in deren Sprache flüssig sprechen. Weil er ihre Lebensauffassung, ihre Kultur, ihre Feinheiten verstehen will. Weil er in gewisser Weise ein Teil dieser Lebenswelt sein will. Dazu muss er ihre Sprache lernen. Täglich lernt er ein Dutzend Wörter, liest regionale Berichte in der Landessprache, hört Podcasts usw.
Ein Freund beobachtet ihn: „Mensch, Deine Disziplin möchte ich haben! Ich könnte es ja nicht.”
Richtig. Der Freund könnte es nicht. Weil er nicht die Sehnsucht von A. hat und sich nicht entschieden hat, die Sprache zu lernen.
A. hingegen empfindet sich überhaupt nicht diszipliniert. Im Gegenteil, er sieht bei sich, wo er nicht so akribisch lernt wie er könnte. Immer wieder hat er abends einfach keine Kraft mehr zum Lernen und den Mut seine Wochenarbeitszeit zu reduzieren, ein Sabbatical oder die Versetzung/ neuen Job in seinem Traumland zu forcieren hat er auch noch nicht gefunden.

„Wer tut, was ihm wirklich wichtig ist, verhält sich in den Augen anderer sehr diszipliniert.
Für ihn selbst ist es eine Selbstverständlichkeit.“

Die Freude an Disziplin sehen wir uns im 2. Teil an.
Auch dieser beliebte Beitrag widmet sich der Disziplin auf nicht alltägliche Weise.

Gute Zeit & Beste Grüße!

Jörg Romstötter

 

Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werde in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.