Corona-Maßnahmen können depressiv machen. Wieso unsere Identität eine harte Probe erfährt.

Eine hohe Selbstkonzeptklarheit macht das Leben attraktiver, interessanter, erfolgreicher und geglückter. Doch eine hohe Selbstkonzeptklarheit wird zum Stressfaktor wenn sie nicht stabil ist. Fehlen wichtige Identitätsstützen, wie der bereichernde, fordernde und bestätigende Austausch mit anderen, können Selbstkonzept und Selbstkonzeptklarheit ins Wanken geraten. Auf Dauer kann das zu depressiven Episoden führen.

Wir streben ein stabiles, positives und kongruentes Selbstkonzept an, 
das aus unserer Identität erwächst.

Unsere Identität ist ein Puzzle und zugleich mehr als das

Unsere Identität beginnt sich in der Kindheit zu bilden. Wir lassen unsere Identität durch die „Einlagerung” (Introjektion) von Identitätsanteilen anderer Menschen in uns entstehen. Doch die Summe dieser Introjekte ist nicht unsere Identität. Vielleicht wollen wir es Seele nennen, die diesem Identitätspuzzle das Sahnehäubchen, die Überschrift gibt und sie sagen lässt „ICH”. Wir Menschen sind soziale Wesen und können uns nur „rund und stimmig” fühlen, wenn wir ein gutes Verhältnis mit uns selbst haben und zugleich in verschiedenen soziale Gefüge mit anderen Menschen eingewoben sind. Jeder, natürlich entsprechend seiner persönlichen Präferenzen, in Menge und Intensität sowohl im Sein mit sich selbst als auch mit anderen. (frei nach Erik H. Erikson)

Eine gelungene Identitätsbildung ist das Gefühl zu haben, unser Leben hat einen Sinn, ist auf einen Zweck ausgerichtet und wir können es selbstbestimmt gestalten.

Werden lebenslang erlernte Werte in Frage gestellt, wankt unser Selbstkonzept

Die Entwicklung unserer gesunden Persönlichkeit ist abgestellt auf eine gewisse freie Wahl, individuelle Chancen und eine freie Selbstbestimmung. Durch eine länger andauernde äußere Krise, die diese als bisher gültigen Werte in Frage stellt, kann ein Verlust an Identitätsgefühl entstehen. (frei nach Erik H. Erikson)

Seit dem zweiten Weltkrieg haben wir in Deutschland in gefühlt großer Freiheit gepaart mit großer Sicherheit und einem allgemein hohen Lebensstandard gelebt. Als Kinder haben wir durch vermittelte Werte und Vorbilder gelernt, welche Möglichkeiten der Freiheit, des Wohlstandes und der Sicherheit auf uns warten und mit was wir grundsätzlich in Deutschland rechnen können. Sofern wir uns diesem Systems in gewisser Weise anpassen und unseren Weg im System finden. Das hat nichts damit zu tun, wie gut, sexy, fair oder sinnvoll wir dieses System empfinden. Es geht um keine Bewertung des Systems, sondern die im System herrschenden Werte, Selbstverständnis, Standards, Routinen, Weltanschauung usw.

Wer so über Jahrzehnte Lebenserfahrung gesammelt hat, der ist von einer Veränderung des Systems, welche die erlernten Werte und Versprechen vorübergehend, auf absehbare Zeit oder gar nie mehr so herstellen kann, stark betroffen. Die individuellen Bewältigungsstrategien (Coping) zeigen den Umgang damit. Trotzdem kann es zu einer größeren Verwirrung kommen. Gerade im Kollektiv ist eine Verwirrung eine völlig normale Reaktion. Wie das Kollektiv mit veränderten Rahmenbedingungen umgeht, wird sich an den gewachsenen Werten orientieren. In Deutschland werden wir wohl möglichst schnell ein hohes Maß an Sicherheit, gepaart mit hohem Lebensstandard anstreben. Auch, wenn es auf Kosten der Freiheit geht. Doch dies nur zu einem gewissen Grad. Denn wir lernen in der Corona-Pandemie und folgender Corona-Krise auch, wie attraktiv das Leben mit geringerem Konsum und in größerer Unsicherheit auch gelingen kann. Freiheit ist die Basis für Gestaltungsmöglichkeiten und damit wieder das Erschaffen von Sicherheit und Wohlstand. Jedenfalls ist das meine Meta-Betrachtung der Deutschen Geschichte seit der Aufklärung.

Unser Selbstkonzept ist dann und wann im Wandel

Wir alle kennen Zeiten, in welchen wir uns innerlich nicht so gefestigt fühlen. Das ist normal, schließlich wandeln wir uns Zeit unseres Lebens. Da gibt es Veränderungen und Schwankungen bei Hormonen, Beziehungen, in der Arbeit usw. Schließlich verändern wir uns von einer Lebensphase in die nächste: Wir sind in der Pubertät, beginnen oder beenden Ausbildungen, wechseln Arbeitsstelle oder gar Beruf, ziehen um, bekommen Kinder oder diese ziehen aus, wir erleiden Krankheiten und Schicksalsschläge, wir gehen in Ruhestand oder gar ein enger Lebensbegleiter stirbt…

Das ist mehr oder weniger Ergebnis oder Anlass für Veränderungen oder Stabilitätsschwankungen im Selbstkonzept. Da ist es durchaus normal, emotional eine gewisse Dünnhäutigkeit zu verspüren. Was nicht heißt, dass wir sie auch im Außen so zeigen. Auch, wenn wir vielleicht normalerweise ein Typ sind, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. So können wir in Wandlungsphasen durchaus die Erfahrung machen „uns selbst nicht wieder zu erkennen”. Das ist völlig menschen-normal und nichts Beunruhigendes. Je bewusster und aktiver wir solche Wandlungsphasen durchleben, desto stabiler wird langfristig unser Selbstkonzept und wir erreichen eine dauerhaft hohe Selbstkonzeptklarheit.

Identitätsdiffusion

Erleben wir jedoch Störungen, die unsere geschaffene Identität zu stark ins Wanken bringen, wie z.B. Verlust der Arbeit (siehe Berufsidentität Teil 1 und Teil 2), können wir sogar unsere Identität aufgeben (Identitätsdiffusion). In so einer Situation sind wir leicht empfänglich für Idole, radikale Ansichten und „Führerfiguren”. Sie liefern mit ihrer Erscheinung eine fixfertige Identität, die wir nur integrieren müssen. Deshalb sind radikal denkende Menschen auch nicht fähig ihre Radikalität zu reflektieren. Bereits mit der Reflexion würden sie die Möglichkeit zulassen, Irrtümern oder persönlichen Nachteilen aufzusitzen. Und das würde die so dringend gesuchte Identität gefährden. Also wird noch vehementer an radikalen Sichtweisen festgehalten. Von Identitätsdiffusionen sind Personen häufiger betroffen, die in der Kindheit zu wenige wertvolle Identitätsanteile introjizieren konnten. 

Wir konnten politisch eine gewisse steigende Attraktivität radikaler Ansichten vor der Corona-Krise bereits erkennen. Die globalisierte Welt zeitigte Folgen, die manche mit ihrer Identität nicht vereinbaren konnten. Bzw. nicht bereit waren, neue Werte in ihre Identität zu integrieren um Chancen wahrzunehmen. Wie sehr die Folgen der Corona-Pandemie zerbröckelnde Identitäten bedingen wird und welche Radikalisierungen daraus entstehen, bleibt abzuwarten.

Anzeichen für ein instabiles Selbstkonzept

  • Wer kein stabiles Selbstkonzept hat, wird häufiger Opfer von Respektlosigkeit und Anfeindungen. Denn der Gegenüber spürt, dass Angriffe erfolgsversprechend sind.
  • Wer innerlich nicht stabil ist, fühlt sich auch schneller angegriffen. Auch, wenn er gar nicht angegriffen wird.
  • Es ist generell hellhöriger, mehr auf der Hut und fühlt sich bedrohter, weil er sein inneres Fundament unbewusst als gefährdet sieht.
  • Angst. Und unter Angst versagen wir.

Wie erreichen wir eine stabile Selbstkonzeptklarheit?

Stabil ist weder starr, bewegungslos noch unveränderlich

„Wie ein gesunder Baum im Wind”, „Wie ein Surfer auf seinem Brett”, „Wie ein Seiltänzer”…

Diese oder ähnliche Bilder lassen im Geiste entstehen, wie es um die Stabilität des Selbstkonzepts bestellt sein sollte. Wir kennen solche Bilder aus dem Anspruch der (Work-)Life-Balance. Hier wird gerne das Bild einer Waage verwendet. Doch ist es irreführend. Die in Ruhe befindliche Waage suggeriert, ein dauerhaft ausgeglichener Zustand im Leben sei möglich. Kurzfristig sehr wohl. In der Planung sehr wohl. In der Rückschau sehr wohl. Jedoch unterliegen wir zu vielen Einflüssen, um eine permanentes Gefühl der Ausgeglichenheit erreichen zu können. Denken wir nur an die Tagesform von uns selbst, dem Partner, den Kindern, Kollegen oder der Chefin…

Deshalb sollten wir ein Selbstkonzept entwickeln, das Veränderungen als willkommene Bereicherungen empfängt. Ein Selbstkonzept, das bei sich bleibt und zugleich mit der Zeit geht.

Bei der Ausbildung einer stabilen Selbstkonzeptklarheit hilft uns das Idealbild

Das Idealbild ist eine innere, mehr oder weniger bewusste Vorstellung von unserem zukünftigen Selbst. Wir konstruieren eine Vorstellung wie wir einmal sein wollen. Mit unserem täglichen Tun entwickeln wir uns zu diesem Idealbild. Natürlich mehr oder weniger erfolgreich. Es gibt ja auch Anteile und Dynamiken in uns, die diesen Fortschritt behindern oder gar verhindern. Ja sogar extrem destruktiv genau das Gegenteil anstreben. 

Je eher wir uns auf dieses Idealbild bewusst einlassen, desto eher werden wir es auch erreichen. Bzw. uns dem Idealbild nähern.

Ist es überhaupt möglich, sein Idealbild zu erreichen?

Ist es nicht eher so: wir entwickeln beständig unser Idealbild weiter. Einfach deshalb, weil wir täglich Erfahrungen machen. Zukünftige Erfahrungen können wir bei der gedanklichen Konstruktion unseres Idealbildes nicht berücksichtigen. Auch können wir für viele Erfahrungen nur sehr bedingt etwas bis gar nichts. Aus diesen Erfahrungen lernen wir. Was wir aus ihnen lernen hängt mit unseren vorausgegangenen Erfahrungen (und damit gewonnen Einstellungen und Fähigkeiten) und unserer aktuellen Situation zusammen. Erfahrungen sind Bewertungen. So gehen wir mit einem Bagatellschaden am Auto in einer entspannten bis gut gelaunten Verfassung anders um, als wenn wir gerade überlastet, krank oder pleite sind.

Es gibt also gar keinen fixen Zustand des Idealbildes. Vielmehr ein Idealgemälde, an welchem wir Zeit unseres Lebens herumbasteln. Auch die Erinnerungsarbeit (die ebenfalls von Verzerrungen beeinflusst wird) gehört zum Idealbild. 

Damit stabilisierst Du Dein Selbstkonzept:

Mache Dir klar, was Du auf lange Sicht willst.
Es kann sein, Du hast aktuell das Gefühl, gerade überhaupt nicht griffig darstellen zu können, was Du auf lange Sicht willst. Gib Dir Zeit. Gestehe Dir diesen unklaren Zustand zu. Je mehr wir uns gerade in schwierigen Zeiten und unklaren Verhältnissen selbst annehmen, desto schneller und kraftvoller gelangen wir wieder in ein stimmiges Selbst- und Lebensgefühl. 

Kann es nicht sogar sein, Du holst insgeheim Luft und Schwung? Regeneration ist die wichtigste Trainingseinheit. Auch, wenn sie sich partout nicht gut anfühlen will. Je mehr Du diesen Zustand zu genießen lernst, desto wertvoller wird er für Dich.

Mache Dir klar, was Du bereits erreicht hast.
In einer innerlich instabilen Phase erscheinen unsere Errungenschaften durchaus nicht so glanzvoll wie in freudigen Phasen. Das ist normal. Vielleicht nimmst Du Dir einen vertrauten Lebensbegleiter und erzählst ihm von Deinem Werdegang. Bereits Anteilnahme und das Interesse wird Dir das Vertrauen in Dich und Deine Fähigkeiten zurückgeben. Schließlich öffnet Dir ein wohlwollender und vertrauensvoller Blick von außen sicher noch das ein oder andere Selbstkonzeptauge.

Erschließe Dir Ressourcen.
Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wer uns alles auf unserem Weg helfen könnte. Doch oft müssen wir nur fragen und uns wird bereitwillig geholfen. Trau Dich! Lieber einen Moment Bammel überwinden als sich ein Leben lang in den Hintern beißen.

Entwickle inneres Zutrauen.
Verbringe Zeit mit Dir selbst. Finde Deine Stabilität in Dir ganz bewusst ohne „die Welt da draußen”.
Was darf für Dich immer gelten, egal, wie die Welt wird?

Lache!
Versuche es mit Humor. Humor hilft uns Abstand von unseren Verstrickungen in uns selbst zu gewinnen. Neue Ufer werden eher sichtbar, wenn man auf den höchsten Mast steigt.

Übrigens: Weißt Du eigentlich schon, was Du nach dem Weltuntergang vor hast?

Video zur Identität

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

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Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen werden in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.