Respektlosigkeit und Respekt fordern zeigen Angst. So schützt Du Dich vor Respektlosigkeit: 5 Clous

Jeder hat sich schon mal respektlos behandelt gefühlt. Und jeder hat sich schon mal respektlos anderen gegenüber verhalten. Das passiert und ist nicht weiter tragisch. Was steckt jedoch dahinter, wenn uns immer wieder Respektlosigkeit entgegen gebracht wird? Was ist mit uns los, wenn wir wiederholt anderen nicht respektvoll begegnen? Und was geschieht wirklich, wenn wir immer wieder als respektlos bezeichnet werden?

Respekt vs. Gehorsam

Über Respekt bestehen vielfältige Auffassungen. Hier befassen wir uns mit Respekt als innere Haltung, welche sein Gegenüber als Person voll anerkennt und dies durch ein Verhalten zeigt, wodurch sich der Gegenüber wertgeschätzt fühlt.

Gehorsam hingegen ist eine unterwürfige Haltung, die einem anderen eine gewisse Verfügungsgewalt einräumt. Wir können jemandem gegenüber gehorsam sein, deshalb respektieren wir ihn jedoch nicht zwingend. Hingegen können wir jemanden großen Respekt entgegen bringen, ihm jedoch den Gehorsam verweigern. 

Dazu gehört auch, wenn sich jemand respektlos behandelt fühlt, jedoch vom andern nicht respektlos behandelt wird.

Diese Definition hier ist deshalb so wichtig, weil wir immer wieder die Erfahrung machen können, wie sehr Respekt und Gehorsam als identisch verstanden werden. Damit sind Missverständnisse, provokantes Verhalten und ein „Sich-provoziert-fühlen” vorprogrammiert.

Frage 1: Was steckt dahinter, wenn uns immer wieder Respektlosigkeit entgegen gebracht wird?

Empfänger der Respektlosigkeit:

„Wahrnehmung ist Wahrheit” besagt ein Sprichwort treffend. Wer definiert denn, was respektlos ist? Niemand. Eben. Eine allgemein gültige Definition oder einen Beweis für Respektlosigkeit wird es niemals geben. Zu unterschiedlich ist das Werteverständnis je nach Land, Region, Kultur, Religion, Generation, Lebensalter, sozialer Zugehörigkeit (gesamtes Lebensumfeld privat und beruflich), ja sogar je nach Situation usw. Was für den einen respektlos ist, ist für den anderen noch akzeptabel und für den Dritten sogar cool.

Der Kontext entscheidet, ob Respektlosigkeit vorliegt oder nicht. Deshalb gibt es in sozialen Umfeldern immer (meist) ungeschriebene Werte. Wer dazugehören will, hält sich an diese Werte. Wer nicht dazugehören will, hält diese Werte (mehr oder weniger) bewusst nicht ein oder verstößt sogar absichtlich dagegen, um sich als nicht-zugehörig abzugrenzen.

Ob ein Verhalten als respektlos empfunden wird, hängt vom Empfänger ab. Er entscheidet, ob er sich durch die empfundene Respektlosigkeit angegriffen fühlt.

Sehen wir uns immer wieder von Respektlosigkeit betroffen, haben wir einen erheblichen Anteil daran. Verstehen wir was im Sender von Respektlosigkeit vorgeht, wissen wir, wie wir als Empfänger von wiederholter Respektlosigkeit den Anlass dazu geben. Deshalb hier die Antwort auf die

Frage 2: Was ist mit uns selbst los, wenn wir anderen nicht respektvoll begegnen?

Sender bewusster Respektlosigkeit:

Bringen wir jemandem bewusst keinen Respekt entgegen, stellen wir uns innerlich über ihn. Stellen wir uns über jemandem, fühlen wir uns diesem unterlegen. Auch, wenn sich das überhaupt nicht so anfühlt. Dafür sorgt unser Ego (Selbst, Ich), das sich dann gut fühlt. Ja, richtig: Es fühlt sich richtig gut an, wenn wir auf jemanden herabblicken, ihn diskreditieren, schlecht machen, als dumm und unfähig, asozial usw. bezeichnen. Dies jedoch nur, wenn wir Angst haben, wir könnten dem anderen unterlegen sein.

Herabsetzen ist immer ein Zeichen von Angst. Nur was uns Angst macht, müssen wir abwehren. Und Abwertung ist eine Form der Abwehr (geringes bis mittleres Strukturniveau). Was uns kalt lässt, das provoziert in uns nicht einmal die Energieleistung um eine Abwehr zu entwickeln. Kalt lässt uns etwas nur, das in uns keine Resonanz erzeugt. Wobei uns nicht unbedingt der andere als vollständige Person Angst macht. Es sind oft vom Gegenüber gezeigte Verhaltensweisen, die von unseren Wertevorstellungen abweichen. Was von unseren Werten abweicht, damit haben wir keine (aktuelle) Erfahrung. Haben wir keine (aktuelle) Erfahrung, haben wir keine Strategien, mit diesen umzugehen. Alles was neu für uns ist, konfrontiert uns auf besondere Weise. Und da wissen wir nicht genau, welche Reaktion adäquat ist. Wir entwickeln Angst. (Mehr zur Angst, ihrer Entstehung und den Umgang mit Angst findest Du hier. Sogar ein Selbsterfahrungs-Experiment findest Du hier.)

Zudem kann es sein, wir lehnen Verhaltensweisen von anderen ab, weil wir uns selbst (noch) nicht getraut haben, diese auszuleben. Jede Medaille hat zwei Seiten. Der überzeugte Abstinenzler blickt auf den Alkoholiker herab. Doch im Grunde befasst er sich genauso intensiv mit dem Stoff Alkohol als Enthemmer/Bewusstseinszustand-Veränderer wie der Alkoholiker. Nur eben auf der gegenüberliegenden Seite der Alkoholsucht, der Abstinenzsucht. Also vielleicht die Angst vor einem Kontrollverlust oder die Angst, sich auf eine fremde Substanz und ihre Wirkung einzulassen (Ohnmacht)? Die Angst, sich selbst auf eine „erschreckende” (verdrängte) Weise kennen zu lernen (Scham)?

Beispiel respektlose Jugendliche

Als typisches und wohlbekanntes Beispiel kennen wir Jugendliche, die sich bewusst respektlos verhalten. Hier tun wir uns leicht zu erkennen, wie sehr sie gerade auf der Suche sind, die eigene Persönlichkeit auszubilden, ihren eigenen Weg zu gehen und vorgelebte Werte in Frage zu stellen. Wie sie Reaktionen auf ihre Aktionen zu provozieren suchen, um sich in Grenzsituationen des menschlichen Zusammenlebens selbst besser kennen zu lernen. Um ihre Fähigkeiten in Streit und Ärger zu schulen. Um Muster und Unstimmigkeiten im Verhalten der anderen herauszufinden usw. Das ist ein wichtiger Prozess, um herauszufinden, was möglich ist, was nützlich ist, was zu einem selbst passend ist, wo man selbst endet und andere beginnen usw. Das Ausloten von Extrempositionen lässt uns dann so nach und nach in die realistische Mitte finden. Haben junge Jugendliche die Möglichkeit in Verantwortungen hinein zu wachsen, prägen sich diese als pubertär bezeichnete Verhaltensweisen tendenziell nicht zu heftig aus. Einfach, weil durch die Rollenübernahme in einer Verantwortung schon mit den Möglichkeiten des Lebens jongliert werden kann. Auch, wenn Jugendliche stabile emotionale Beziehungen zur Ursprungsfamilie haben, mögen manche typischen Eskapaden dieser umwälzenden Lebensphase heftig sein, wirklich bedrohliche Ausmaße haben sie dann selten. Die Identität füllende Basis wurde schon seit Geburt geschaffen und entfaltet seine Wirkung als Notbremse vor fatalen Entscheidungen.

Respektlosigkeit als Statusspiel

Als Statusspiel genutzt ist Respektlosigkeit ein einfach einzusetzendes und oft sehr wirkungsvolle Waffe. Das gehört irgendwo zum normalen menschlichen Verhalten. Gemeinschaften sind auf soziale Strukturen und gewisse Hierarchien angewiesen. Genauso wie auf Abgrenzung zu anderen Gemeinschaften zur einfach zu erreichenden Indentitätsausbildung: „Wir sind nicht wie die, deshalb sind wir wer.” (Fragt sich nur, wer man ist, wenn es die anderen plötzlich nicht mehr gibt? Doch Feindbilder zu finden ist eine der leichtesten Übungen. Deshalb wird diese Taktik auch von einfach gestrickten Charakteren so gerne angewendet. Die Politik weltweit hat viele Beispiele.) Auch in vordergründig hierarchiefreien Gemeinschaften existieren sehr wohl, und zwar sofort und permanent, Hierarchien. Dass dies zu durchaus heftigem, lang andauerndem und immer wieder aufkeimendem Hierarchie-Gerangel kommen kann und kommt, ist normal und gesund. So stellt sich das passende natürliche Gleichgewicht innerhalb der Gemeinschaft ein und reagiert so auch aktiv auf Änderungen im Lebensumfeld der Gemeinschaft. Werden die informellen Hierarchien eher nicht beachtet oder gar verneint, führt dies eher zu ungesunder Machthäufung, dazu nötiger Gewalt in verschiedensten Formen und letztlich Machtmissbrauch.

Sender unbewusster Respektlosigkeit

Respektlosigkeit ist nichts anderes als die Projektion eigener Anteile auf andere, die der Respektlose bei sich selbst ablehnt, sie jedoch nicht zu sehen wagt. Er sieht seine eigenen Defizite beim anderen und will sie beseitigen. Dazu bekämpft er den anderen. Er erkennt jedoch die Ursache für sein Tun nicht. Er ist felsenfest davon überzeugt, der andere hat ein gravierendes Defizit und ist deshalb seines Respektes nicht würdig. Das ist nicht einfach zu verstehen. Leichter fällt es uns, wenn wir Zeuge einer Respektlosigkeit werden. Wenn z.B. jemand einen anderen offenkundig respektlos behandelt und wir erleben, wie er sich dabei gut/groß/mächtig/cool usw. fühlt. Wobei wir gleichzeitig seine große Unsicherheit spüren. Sucht der Respektlose während seiner Respektlosigkeit sogar noch die Bestätigung seiner Parteigänger, präsentiert er seine Unsicherheit auf dem Silbertablett.

Respektlosigkeit richtet sich wiederholt gegen Amtsinhaber

Richtet sich Respektlosigkeit wiederholt gegen Amtsinhaber, hat dies zunächst nichts mit dem Einzelnen Amtsinhaber zu tun. Es ist das Amt, die Uniform, die Funktion, die Rolle usw. die mit Respektlosigkeit getroffen werden soll. Einen vor mir stehenden Beamten kann ich leicht als Opfer meiner Aggression auf eine Regierung auswählen. Hier steht eine leibhaftige Person, gegen die ich mich wehren kann. Gegen Gesetze kann ich mich nur sehr aufwändig und ohne meinen körperlichen Affektdruck zu agieren über Rechtsprozesse wehren. Zudem hat der Angriff auf Amtsinhaber den Charme, er selbst kann nur auf identischen Weg wie ich die Rechtssituation verändern. Meine Respektlosigkeit wird also am Grundübel nichts ändern. Allein deshalb schon nicht, weil sie nicht konstruktiv ist. Respektlosigkeit beinhaltet niemals einen wohl überlegten Lösungsvorschlag für eine etwaige Unrechtslage. Denn Respektlosigkeit kann vom Empfänger nicht für voll genommen werden. Respektables Verhandeln um Lösungen findet immer auf einer sachlichen, nüchternen Weise statt. Kann sie nur. Emotionale Eskapaden können nicht zu dauerhaften, versierten und von unterschiedlichen Parteien getragenen Lösungen führen. Die Respektlosigkeit ist damit ein formidabler, weil sinnloser Kampf. Dieser Kampf bietet mir ein dauerhaft vorhandenes Ventil für meinen Affektdruck. Es entsteht keine Notwendigkeit an mir selbst zu arbeiten und meine Energie wahrhaft konstruktiv für ein besseres Miteinander einzusetzen.

Wer Respekt fordert, verdient keinen. Wer Respekt fordert hat Angst.

Wir bringen uns nur in die Lage, Respekt zu fordern, wenn wir von einer hohen Meinung des Gegenüber abhängig sind, oder uns abhängig fühlen. Brauchen wir den Respekt eines anderen, sind wir von dieser Person abhängig. Von wem wir nicht abhängig sind, dessen Meinung über uns ist uns egal. So bald wir uns von der Meinung einer Person als abhängig zeigen, machen wir uns zum Spielball dieser Person. Es kommt dann auf den Selbstwert dieser Person an, Respektlosigkeit uns gegenüber zur eigenen Selbstwerterhöhung zu verwenden. Hat das Gegenüber einen hohen und zugleich stabilen Selbstwert, wird es die Möglichkeit der Selbstwerterhöhung durch Respektlosigkeit zwar erkennen, jedoch nicht einsetzen. Einfach deshalb, weil jemand mit hohem und stabilen Selbstwert durch Respektlosigkeit einem anderen gegenüber seinen Selbstwert nicht erhöhen kann, sondern ihn sogar herabsetzt.

Respekt ist nicht direkt erreichbar. Respekt ist ein Ergebnis vieler Respekt erzeugender, respektabler Verhaltensweisen. Doch jeder definiert für sich, ob das Verhalten eines anderen bei ihm das Gefühl des Respektes erzeugt. Wofür wir bereit sind Respekt zu zollen, bestimmt unsere Sozialisierung, unsere übernommenen und entwickelten Werte und Weltanschauungen. Deshalb kommt es so häufig vor, dass Verhalten, welches in einer sozialen Gruppe als äußerst respektabel angesehen wird von einer anderen Gruppe gelangweilt übersehen, als Peinlichkeit empfunden oder erzeugt Fremdschämen. Da fallen uns schnell Macho-Gehabe, „Mutproben” oder Angeberei jeglicher Art ein.

Deshalb können wir manchmal bei anderen, egal, wie sehr wir uns auf unsere Art und Weise bemühen, auch keinen Respekt erzeugen. Wir entsprechen eben den Werten und Normen unseres Gegenüber nicht. Nur, wenn der Gegenüber fähig ist, Kontext und Situation beobachtend zu erfassen, kann er das Bemühen hinter dem Verhalten erkennen, das sich um Respekt bemüht. Doch dazu ist Selbstreflexion nötig, die nicht jeder in jeder Situation aufbringt. Menschlich.

Auch kommt es vor, jemand verhält sich in den Augen eines anderen respektabel, doch den Respekt den er mit seinem Verhalten zeigt, wird von Ersterem nicht als Respekt aufgefasst. 

Respekt zeigt Identitätskonflikt zwischen Person und Rolle

Wer Respekt durch seinen Titel, sein Amt, die Organisation die er vertritt usw. erwartet, wird nie mehr als Gehorsam bekommen. Dieser Gehorsam ist ein gespielter. Er wird nur so lange gezeigt – und nicht echt empfunden – so lange es die Situation erforderlich macht.

Echter Respekt, der der Person entgegen gebracht wird, ist unabhängig von dessen aktuellem Titel, Amt oder Rolle innerhalb einer Organisation. Er ist zudem unabhängig von der Situation und wird der Person ununterbrochen entgegen gebracht.

Dieser echte Respekt wird auch vom Empfänger als aufrichtiger Respekt wahrgenommen. Er ist ein befriedigender Respekt. Der durch Titel, Ämter usw. provozierte Respekt, bzw. Gehorsam, wird vom Empfänger als leerer Gehorsam wahrgenommen.

Den Unterschied zwischen Respekt und Gehorsam kann nur wahrnehmen, wessen Selbstwert die passende Entsprechung hat:

Instabiler Selbstwert: Der Gehorsam gegenüber dem bekleideten Amt wird als Respekt empfunden. Er ist unersättlich. So bald das Amt, der Titel – im Empfinden des Amtsinhabers – nicht adäquat „respektiert” wird, fühlt sich der Amtsinhaber angegriffen. Dieser „Angriff” wird vom Amtsinhaber als Angriff gegen das Amt dargestellt. Das muss er tun, um Macht des Amtes den erwarteten Respekt einfordern zu können. Als Person könnte er das niemals. Und das weiß er ganz genau. Deshalb fordern Menschen mit instabilem Selbstwert vielmehr Gehorsam als Respekt. Sie brauchen immer wieder Bestätigung von außen. Einfach, weil sie den Unterschied zwischen Gehorsam und Respekt nicht wahrnehmen können. Sie haben in ihrem Leben nie erlebt, wie ihnen Respekt entgegen gebracht wurde, nur weil sie sind wie sie sind. Sie haben erkannt, wie viel Respekt/ Gehorsam Titeln und Ämtern entgegen gebracht wird. Respekt ist ein völlig normales menschliches Bedürfnis. Um dieses Grundbedürfnis zu stillen, streben sie möglichst hohe Ämter an. Deshalb klammern sich Menschen mit instabilem Selbstwert an Titel und Ämter. Sie wissen, so bald sie Titel nicht mehr haben, sind sie abgestempelt.

Vorsicht: Nicht jeder, der ein hohes Amt bekleidet hat einen instabilen Selbstwert!

Wird die Jugend respektloser?

Beginnen wir andere als Jugend zu bezeichnen, gehören wir wohl selbst nicht mehr dazu. „Jugend” ist ja auch eine sehr dehnbarer Sammelbezeichnung für Menschen, die jünger sind als man selbst und die zudem, dem Anschein nach, ein verändertes Werteverständnis leben. Jede neue Generation definiert ihre Weltwahrnehmung neu. Auch wenn es im letztlichen Ausleben dann deutliche Parallelen zur vorhergehenden Generation gibt. Das war schon immer so und wird wohl immer so bleiben.

Ob die Jugend wirklich respektloser wird? Können wir das nicht auch so wahrnehmen: Ja, es gibt eine Phase, die nennen wir Pubertät, welche geprägt ist von „Dagegen!”. Das ist superwichtig, denn sonst könnte sich der junge Mensch ja keine eigene Identität erschaffen. Gerade, weil er über seine gesamte bisherige Lebensspanne fast ausschließlich durch Nachmachen der Älteren gelernt hat, wie Verhalten und Umgangsformen im eigenen sozialen Umfeld funktionieren.

Vielleicht sind es gerade die, die sich in ihrer eigenen Pubertät zu wenig „Dagegen!” getraut haben und sich durch das freie Ausagieren Jugendlicher ertappt fühlen: „Ich war nicht so mutig, damals. Vielleicht habe ich etwas verpasst, weil ich mich damals nicht getraut hatte?”. Dieses Wägen und Vermuten fantasiert mögliche Verluste. Verluste machen Angst. Weil wir befürchten, hinter unseren Möglichkeiten zurück zu bleiben.

Bricht eine neue Epoche an?

Vielleicht ist die wahrgenommene Respektlosigkeit nur das Abbild eines gesellschaftlichen Wandels? Eine neue Realität im Miteinander die weniger Amt und Würden, möglichst vielen Sternen auf der Schulter, dicken Wagen und Büros als vielmehr dem Wirken und Sein in und für die Gesellschaft Respekt zollt? Die vielleicht mehr Respekt für den Lebenserfolg und den mutig gewählten Weg zeigt, als die gehorsame Erfüllung vordefinierte Rollen und Titel? Ein Respekt, der nicht der Rolle oder dem Titel, sondern dem Menschen hinter der Rolle gilt?

Frage 3: Was geschieht wirklich, wenn wir immer wieder als respektlos bezeichnet werden?

  • Wer bezeichnet uns denn als respektlos? 
  • Sind es Menschen des gleichen Schlages? 
  • Könnte es sein, sie fühlen sich durch unser Verhalten überführt? Vielleicht weil sie einer anderen (antiquierten) Weltauffassung angehören?
  • Wie ist das genau gemeint mit der Respektlosigkeit? Wobei genau verhalten wir uns respektlos?
  • Oder hat der andere vielleicht sogar recht und wir erkennen unsere Angst vor Anteilen in uns nicht, die wir (noch) nicht anzusehen bereit sind?
  • Finden wir uns in der Beschreibung des Respektlosen unter Frage 2 wieder?

Selbstwert und Aggressionsverhalten

Hoher instabiler Selbstwert
Höchstes Aggressionspotenzial, da Selbstwert durch Erfolge und Bestätigung von außen laufend stabilisiert werden muss. Führt nach negativem Feedback zu irrationalen Reaktionen und der höchsten Form von Defensivität und Feindseligkeit.

Hoher stabiler Selbstwert
Niedrigstes Aggressionspotenzial, da der Selbstwert (weitgehend) unabhängig von Erfolgen und äußerer Bestätigung stabil ist. Führt nach negativem Feedback zu Selbstüberforderung.

Niedriger instabiler Selbstwert
Niedriges Aggressionspotenzial. Führt nach negativem Feedback zu keiner Änderung der Selbsteinschätzung. Bei instabil niedrigem Selbstwert besteht sogar die Chance eine Selbstwerterhöhung durch Feedback zu erleben.

Niedriger stabiler Selbstwert
Niedriges Aggressionspotenzial. Führt nach negativem Feedback zu keiner Änderung der Selbsteinschätzung.

Quelle: Stucke, Dr. Tanja S.: „Die Schattenseiten eines positiven Selbstbildes: Selbstwert, Selbstkonzeptklarheit und Narzißmus als Prädiktoren für negative Emotionen und Aggression nach Selbstwertbedrohungen”, 2000, S. 43

Überhöhtes Selbstwertgefühl gleitet in Narzissmus ab

Ein Zuviel des Guten ist eben gerade nicht der Beweis für eine besonders hohe innere Stabilität, Vertrauen in sich und gesunde Meinung von sich selbst. Übermäßig positive Selbsteinschätzung führt zur Überschätzung der tatsächlichen Fähigkeiten und Eigenschaften und ist damit Nährboden für pathologischen Narzissmus. Wer sich selbst als überlegen wahrnimmt wehrt damit seine Angst ab nichts Besonderes, sondern ein ganz normaler Mensch zu sein ab.

So schützt Du Dich vor Respektlosigkeit: 5 Clous

Clou 1: Lasse die Respektlosigkeit beim Respektlosen

Das ist die wichtigste Methode, um zwischen Deinen Emotionen und denen Deines Gegenüber Distanz zu schaffen. Damit hebst Du die gemeinsame Verstrickung auf, die entsteht, so bald sich zwei Menschen aneinander reiben oder gar miteinander streiten. Im Streit gibt es keine Lösung. 

Doch das ist noch nicht genug: Lasse die Respektlosigkeit im Guten beim Respektlosen. Begehe nicht den Fehler und sage Dir insgeheim Dinge wie: „Diese Respektlosigkeit lasse ich bei dir du armer kleiner Angsthase.” Denn dann würdest Du eine Abwehr formulieren, die gleichzeitig Deinem Ego ein gutes Gefühl von Überlegenheit gibt. Doch Du bist weder besser noch weniger angstvoll wie der andere. Du hast genauso Deine Baustellen. Nur eben woanders. Darum sage Dir Dinge wie, z.B.: „Diese Respektlosigkeit/ Beleidigung belasse ich ganz bei dir. Du hast mein vollstes Vertrauen, dass du damit umzugehen lernst und solches Tun irgendwann einmal nicht mehr brauchst. Ich achte und respektiere dich, deine Meinungen und dein Tun.”

Das heißt nicht, die Meinungen und das Tun des anderen für gut zu heißen. Nein! Es geht nicht darum eine Bewertung zu erzeugen oder gar die „Wahrheit” herausfinden zu wollen. Es geht hier lediglich um Selbstschutz, der die Angriffe des anderen ins Leere laufen lässt. Gleichzeitig belassen wir – ganz im Guten – die Angriffsenergie des anderen bei ihm selbst, damit er damit etwas für sich und alle anderen Hochwertigeres entstehen lassen kann. Wir wissen ja: Respektlosigkeit ist nichts anderes als die Projektion eigener Anteile auf andere, die der Respektlose bei sich selbst ablehnt, sie jedoch nicht zu sehen wagt. Er sieht seine Defizite beim anderen und will sie beseitigen. Dazu bekämpft er den anderen.

Was nicht heißt, wir können damit jemanden verändern. Wir können die Veränderungs-Energie des Respektlosen, die er gut für sich selbst verwenden könnte zu ihm zurück schicken. Was er damit macht, hat uns nicht zu interessieren. Ob und wie er seinen mangelnden Respekt sich selbst gegenüber anpackt, ist seine Sache. Formulieren wir hier einen Wunsch, wie z.B. „…und mögest Du Dich selbst mehr respektieren…” stellen wir uns wieder über ihn, füttern unser Ego und wollen ihn sogar so manipulieren, er möge sich doch bitte so verändern, wie wir es für gut heißen. Das ist der Schuss nach hinten. Jemand anderen verändern zu wollen ist eine Anmaßung und Eingriff in dessen Persönlichkeitsrechte.

Clou 1 wird Dir nur gelingen, wenn Du von Dir selbst eine hohe Meinung hast. Und wenn diese hohe Meinung durch Missachtung oder gar Beleidigung unverändert bestehen bleibt. Wenn Du Dich selbst liebst, egal, ob es jemand anderes auch tut. Wenn Du zu Deinen Unzulänglichkeiten stehst und wenn Du Dich von der Meinung des Respektlosen nicht abhängig fühlst.

Je nachdem, wie der Respektlose drauf ist, wird er Deine vertrauensvolle Haltung spüren. Er wird seinen „Ausrutscher” erkennen und irgendwie damit umgehen. Meist sehr konstruktiv. Insbesondere wenn er sieht, wie Du die Respektlosigkeit eben als „Ausrutscher, der jedem mal passiert und nichts bedeuten muss” auffasst. Ist sein Selbstwert nicht allzu instabil, wird er dieses Vertrauen nicht als Angriff werten. Damit steht die Angriffsenergie, die er gegen Anteile in sich selbst gerichtet hat für Veränderungsarbeit zur Verfügung.

Exkurs: Gleiten wir ins Reich der Esoterik ab?

Wenn ich hier von Energie schreibe, dann meine ich es wie ich es schreibe und nicht „esoterisch”. So bald wir das Wort gegen jemanden erheben, wirkt für jeden erlebbar Energie. Nach dem Energieerhaltungssatz der Physik kann Energie nicht verschwinden, sie wandelt sich nur um. Wieso soll das bei verbaler Energie anders sein? Der verbale Ausdruck ist ja auch nur die veränderte Form eines inneren Prozesses der von Gedanken und Gefühlen erzeugt wird.

Noch zur Esoterik: Was auch immer heute landläufig unter Esoterik verstanden wird. Diese Land-Meinung weicht erheblich von der ursprünglichen Definition von Esoterik ab. Genauso, wie die Sonne nicht von Ost nach West wandert, sondern die Erde sich nach Osten dreht. Das kommt wohl daher, dass es heute eine Schwemme von (Gedanken-)Konstrukten gibt, die mehr der eigenen Bereicherung als dem Wohle vieler dienen. Doch was ist Glaube? Ist nicht jede Form von Glauben Glauben? Eben kein überprüfbares, reproduzierbares Wissen. Bloß weil eine Form von Glauben Staatsreligion ist, oder vor vielen Jahrhunderten Aufzeichnungen nach vielen Jahrhunderten der mündlichen Überlieferung entstanden, ist dieser Glaube deshalb nicht wahrer.

Wobei wir bei der Frage sind: Gibt es Wahrheit im engeren Sinne? Zumindest in der Logik von Physik und Mathematik. Doch so bald wir uns in den Bereich der Empfindungen begeben ist es mit der Wahrheit aus. Offenbar müssen wir Menschen glauben, sonst haben wir keinen Halt und keine beruhigende Begrenzung im unendlichen Raum unserer Gefühle und Gedanken…

Clou 2: Das große Egal, hohes Niveau

Gelingt Dir Clou 1 nicht immer, kannst Du eine mildere Form wählen. Du lässt „fünf gerade sein” und den Respektlosen „sein wie er sein mag”. Seine Respektlosigkeit trifft Dich nicht. Es sei, als hätte jemand mit einer Tomate nach Dir geworfen und sie geht weit daneben. Fast so, als hätte er einen anderen treffen wollen. Du „gehst Deinen Weg und lässt die Leute reden”. Schon wenige Augenblicke später hast Du den Vorfall vergessen und findest Dich wieder zurück in Deinen Gedanken als sei nichts geschehen. Wirst Du an die Sache durch irgendetwas erinnert, weißt Du gar nicht mehr recht, wie es zur Respektlosigkeit gekommen ist und wie die Sache ausging. Beim Nachdenken darüber bleibst Du innerlich so ruhig, dass Dir das Sinnieren über den Vorfall schnell langweilig wird und Du Dich gleich darauf in anderen Gedanken wiederfindest.

Damit hast Du Dich optimal geschützt und Deine innere Reaktion zeigt Dir, die Respektlosigkeit findet keinerlei Resonanz in Dir. Du hast in diesem Bereich keine Selbstwert-Baustelle. Allerdings konntest Du die „destruktiv geleitete Veränderungsenergie” des Respektlosen nicht bei ihm belassen. Die ausgesendete Veränderungsenergie, die wir sogar als Hilferuf interpretieren könnten, geht ins nirgendwo, wie die Tomate. Du hast Dich geschützt, für den Respektlosen ist nichts gewonnen. Er wird sich ein anderes Opfer suchen und eines finden.

Clou 3: Das große Egal, niedriges Niveau

Lässt Du hingegen den Respektlosen „den Buckel herunter rutschen”, „am Arsch vorbei” gehen oder schickst ihn „dorthin wo der Pfeffer wächst”, verstrickst Du Dich zu sehr mit seinem Angriff in Form von Respektlosigkeit. Allein diese drei Kraftausdrücke zeigen sehr deutlich, wie viel Kraft Du brauchst, seine Respektlosigkeit in Form eines „egal” abzuwehren. Die Respektlosigkeit findet Ankerpunkte in Dir, sonst müsstest Du diese Anker nicht so gewaltsam lösen. Also irgendwo stimmst Du dem Angreifer zu. Irgendwie hat er mit seiner Respektlosigkeit recht. Es gibt Anteile in Dir, die Du selbst noch nicht so ganz annehmen kannst und genau diese Anteile hat der Respektlose mit seiner Respektlosigkeit erwischt. Passiert. 

Wenn wir über eine Respektlosigkeit „länger als 20 Sekunden” nachdenken, stimmt sie. Nein, nimm es nicht so genau. Jedenfalls kannst Du davon ausgehen, in Deiner Selbstannahme im durch die Respektlosigkeit verletzten Anteil noch Selbstannahme-Arbeit vor Dir zu haben. Das zeigen wir uns selbst, wenn sich unsere Gedanken immer wieder um Erlebtes drehen oder wir kommen „wie aus heiterem Himmel” gedanklich immer wieder darauf zurück.

Mit dieser Form der Abwehr schützt Du Dich. Bloß hat Dich die Abwehr etwas gekostet. Diese Kosten kannst Du als Investition in Dich auffassen. Sieh es so: Der Respektlose schickt seine Angriffsenergie auf Dich, Du wehrst sie nur zum Teil ab und nimmst den Rest für Dich, um mit Dir selbst mehr ins Reine zu kommen.

Schießen Dir bei einer Respektlosigkeit Kraftausdrücke durchs Hirn weißt Du: „Ok, das macht doch mehr mit mir als ich mir eingestehe. Will ich mit mir selbst mehr ins Reine kommen und mich vor Respektlosigkeit besser schützen, darf ich mich hier noch mehr annehmen.”

Der Respektlose wird einen Teilerfolg verbuchen. Er spürt, wie Du innerlich Kraftausdrücke aufwendest um Dich zu schützen. Wer sich schützt, wird offensichtlich erfolgreich angegriffen. Diesmal warst Du ein Teilopfer. Passiert.

Clou 4: Feedback für den Respektlosen

Bist Du Dir sicher, Deine Rückmeldung ist für den Respektlosen hilfreich, dann nur zu: sage ihm, wie Du ihn erlebst. Findet gemeinsam heraus, was jeweils beim anderen das Gefühl respektlos behandelt worden zu sein auslöst. Ob Du ihm dabei einen Rat erteilen solltest? Hier kannst Du prüfen, ob Dein Rat produktiv ist: „Sind Ratschläge wirklich immer Schläge?”

Ein Feedback sollte so zeitnah wie möglich erfolgen. So ist die Szene noch frisch in Erinnerung. Eine gewisse Zeit, vielleicht 15 Minuten, sollte dennoch zwischen Szene und Feedback sein. So können sich ggf. Entstandene Emotionen die einen Affektdruck erzeugen, der in wenig überlegte Aussagen und Handlungen mündet, Beruhigung finden.

Clou 5: Die eigene Rolle klären

Sind wir Rollenträger (in Amt und Würden) so sollte zweifelsfrei klar sein, wie die Institution die wir vertreten zu wirken hat und wahrgenommen werden will. Damit handeln wir aus der Rolle heraus und nicht nach unserem individuellen Empfinden. In Ausübung der Rolle geht es um die Sache. Der Sache ist, welcher Rollenträger auch immer hinter der einzelnen Rolle steht, zu dienen. Alle Rolleninhaber der gleichen Hierarchie haben sich identisch zu verhalten. Damit wird Willkür und Nicht-Nachvollziehbarkeit vermieden. Zudem ist der Rollenträger als Individuum geschützt: Er handelt aus der Rolle heraus und nicht nach seinem Gusto. So lassen sich auch unangenehme Maßnahmen adäquat durchführen. 

Natürlich füllt jeder Rolleninhaber seine Rolle mit seiner Persönlichkeit. Das ist gut und wichtig. Damit bleibt die Integrität des Rolleninhabers und der Rolle erhalten. Die Rolle erhält erst durch die jeweilige Persönlichkeit Charme. Auch ein „Verstecken hinter der Rolle” wird so vorgebeugt bzw. eine kritische Betrachtung der Rolle erfolgt laufend: „Will ich diese Rolle mit meiner Persönlichkeit füllen? Gebe ich mich dafür her? Verstecke ich mich nicht doch hinter der Rolle? Mache ich in der Rolle Dinge, die ich mich ohne Rolle niemals trauen würde/ die ich ethisch niemals vertreten könnte?” 

Hier findest Du einen Beitrag zur Respektlosigkeit mit einem Praxisbeispiel: Wer sich alles gefallen lässt, will das so.

Video zur Respektlosigkeit

Gute Zeit & Viele Grüße!

Jörg Romstötter

PS: Kennst Du schon die Blog-Ebooks? Wissen praktisch nach Themen sortiert: hier.

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Meine Hilfestellungen zur Selbstführung und damit zur Führung anderer, erscheinen nicht immer leicht in ihrer Umsetzung. Wobei sie sich gerne offenkundig plausibel, „einfach” und eingängig lesen. Diese Vorgehensweisen, werden in ihrer Umsetzung sowohl als äußerst einfach und äußerst schwierig empfunden. Je nachdem, welche Qualität innere „Arbeit” jemand schon mit sich angestellt hat. Selbstführung beginnt mit der Selbst-Begegnung. Ohne sie ist jede erlernte Vorgehensweise lediglich vordergründiges Tun und funktioniert nur rudimentär: Wir werden als „Tool-Anwender” entlarvt.

Selbst-Begegnung ist ein Stufenprozess: Wer eine „Stufe” erreicht hat, sieht sich unmittelbar mit der nächsten konfrontiert. Wer keine „Stufen” erkennt, ist nicht etwas schon „angekommen” oder gar „fertig”. Der sieht lediglich (unbewusst) von der nächsten Stufe weg. Was natürlich auch völlig ok ist.

Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Selbst-Begegnung und gleichzeitig zur Selbstführung ist seit jeher die Natur. Und dabei im Besonderen das Alleinsein draußen. Sich selbst ein wenig zuhören inmitten der weitenden, klärenden, stärkenden und erdenden Natur, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ich wünsche Dir und mir den Mut, dass wir uns dieses Geschenk immer wieder machen.